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VIELEICHT KANN DAS EUCH BEI DER VERARBEITUNG EIN WENIG HELFEN!

5. November 2009 um 12:25 Letzte Antwort: 23. April 2010 um 15:37



Verzeihen
Die Frage, ob man dem Täter verzeihen soll- kann-darf, taucht in
Büchern und Diskussionsforen immer wieder auf. Anscheinend bewegt
diese Frage viele Gemüter sehr heftig. In diesem Artikel geht es
jedoch um eine andere, meines Erachtens sehr viel wichtigere Frage:
Wie verzeiht man sich selbst?
Vorab: wenn man nur dem Täter verzeiht, sich selbst aber nicht, dann
ist irgendetwas *total schiefgelaufen.* So kann es nicht gehen!
Die Selbst-Verzeihung ist also unbedingte Voraussetzung, um über
die andere Frage der Täter-Verzeihung *überhaupt nachdenken zu
können* (sofern man das will). Woher weiß und spürt man, dass man
sich selbst verziehen hat?
Viele Leute glauben, sie hätten sich selbst verziehen. Wenn dieser
Glaube bei einem selbst vorhanden ist, folgt daraus jedoch nicht,
dass man sich selber /tatsächlich/ und /vollständig/ verziehen hat.
Niemand kennt sich selber und alle seine Winkel und Verstecke ganz
genau! Zum einen haben wir alle ein Unterbewusstsein, zum anderen ist
der Zugang zu Teilen der eigenen Persönlichkeit(en) gerade bei
Überlebenden von sexuellem Missbrauch oft durch Abspaltung und
Dissoziation erschwert. Kaum etwas geht so tief ins Innere und
schädigt einen Menschen in so tiefen Schichten wie sexueller
Missbrauch. Er wird daher ja auch als /Seelenmord/ bezeichnet. Wie
die moderne Hirnforschung nachgewiesen hat, schädigt es u.a. die
impliziten Gedächtnisse in stammesgeschichtlich sehr alten Regionen
des Kleinhirns, und zwar u.U. auch dauerhaft (teilweise irreversibel =
unumkehrbar). Die Schäden können auch ohne weiteres bis in körperliche
Schichten hinabgehen, ohne dass man sich dessen bewusst zu sein
braucht (dauerhafte Trennung bzw. Umverdrahtung von Verbindungen im
Gehirn als Folge der erlittenen Traumata).
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das fast alle Überlebenden haben,
ohne dass ihnen die Ursache vollständig bewusst sein muss und ohne es
unbedingt steuern zu können: Die eigenen unbewussten Aggressionen auf
sich selber! Sexueller Missbrauch von Kindern führt fast immer dazu,
dass sich das Kind selber zumindest einen Teil der Schuld gibt. Das
kann so tief im Unterbewusstsein und abgespalten geschehen, dass man
sich selber dessen überhaupt nicht bewusst ist!
Wer sich selbst beschädigt (z.B. Ritzen), wer "psychosomatische
Krankheiten" wie Neurodermitis oder andere Konversions-Krankheiten
hat, der sollte das als /ernste Warnung/ nehmen, dass im Verhältnis
zu sich selber irgendetwas nicht im Lot sein könnte. Menschen (mich
eingeschlossen) machen sich auf keinem anderen Gebiet soviel selber
vor als auf diesem!
Selbstvorwürfe können sich auf viele Arten vor einem selber
verstecken. Wenn man sich über längere Zeiträume hinweg schlecht,
unzulänglich, nicht wertvoll, unnütz, unwert, getriggert, außer sich,
schlecht gelaunt, unter heftigem Erwartungsdruck und ähnlich fühlt,
sind das Anzeichen für *versteckte* Selbstvorwürfe, Schuld- und
Schamgefühle.
Wer *versteckte* Selbstvorwürfe mit sich herumschleppt, der hat sich
selber *nicht* wirklich *verziehen*.
Wie also kommt man dazu, dass man sich selber verzeiht?
Antwort: sowas kostet viel Mühe und dauert im Regelfall Jahre.
Ohne therapeutische Hilfe ist das bei so schwerwiegenden Traumatisierungen wie
sexuellem Missbrauch wohl kaum zu schaffen.
Ein kleiner Trost: Verzeihung ist keine Ja-Nein-Entscheidung, sondern
ein /Vorgang/, der über viele Zwischenstationen abläuft. Verzeihung
ist noch nicht mal eine Willensentscheidung. Man kann nicht einfach
beschließen, "so, jetzt verzeihe ich mir". Das funktioniert nicht.
Keiner lernt Klavierspielen einfach dadurch, dass er beschließt, es
nun zu können. Man muss es *üben.*
Den Umgang mit sich selbst kann man durch therapeutische Arbeit
relativ rasch verbessern. Je liebevoller man mit sich selber umgeht,
desto näher kommt man dem Ziel, sich selbst immer mehr vergeben zu
können.
Wenn man von diesem Ziel nicht mehr weit entfernt ist, verliert die
Frage der Täter-Verzeihung ihre scheinbare Bedeutung.
Deswegen sollte man sehr vorsichtig bei Leuten sein, die der Täter-
Verzeihung mehr Gewicht als der Selbst-Verzeihung geben. Wenn man
sich von anderen dazu verleiten lässt, die Selbst-Verzeihung zu
vernachlässigen, dann kann man nicht wirklich heilen. Es kann einem
sogar *schaden*. Besonders fatale Folgen kann so etwas haben, wenn
es von Therapeuten ausgeübt wird (Behandlungsfehler), oder wenn es
etwa von ganzen Therapie-Richtungen und -Schulen propagiert wird (
siehe Fußnote in diesem Artikel) oder wenn es wie bei Hellinger
ideologisch verbrämt wird. Was ist Verzeihen?
Darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen.
Ver-zeihen bedeutet vom Wortstamm her, jemandem nicht mehr zu zeihen.
Das altertümliche Wort "zeihen" kommt heute in der Umgangssprache
kaum noch vor (höchstens in Formen wie "jemand hat mich der Lüge
geziehen"). Es bedeutet soviel wie "beschuldigen", "bezichtigen".
Ver-zeihen bedeutet daher ursprünglich eigentlich nicht, dass man
eine Tat vergessen hat, ebenso nicht, dass sie vergeben ist - es
bedeutet eigentlich ursprünglich nur, dass man keine Bezichtigungen
mehr vorbringt (äußert). In der heutigen Umgangssprache bedeutet
Verzeihen jedoch u.U. auch etwas anderes: es kann Aspekte von
Vergebung, Versöhnung, Entschuldigung, Vergessen, Nicht-mehr-davon-
sprechen-wollen (Ignorieren / Funkstille), und vieles andere
enthalten. Darüber gibt es auch unterschiedliche Auffassungen.
In der Gefühlswelt gibt es noch sehr viele weitere Varianten, wie die
Gefühle zum Täter beschaffen sein können. Manches lässt sich durch
die einfachen Worte unserer Sprache gar nicht beschreiben, weil es
für manche Gefühle (besonders bei Inzest-Betroffenen) gar keine Worte
gibt.
Das Operieren mit vereinfachenden Begriffen wie "Vergebung", "
Verzeihen", "Versöhnung" u.ä. kann daher auch an Gefühlsrealitäten
vorbeigehen.
Weiterhin sehen manche den Sinn des Verzeihens darin, die Beziehung
zum Täter wieder in Ordnung zu bringen, und definieren den Erfolg
einer Verzeihung entsprechend, d.h. von der Beziehungsdynamik her.
Diese Sichtweise ist jedoch dafür anfällig, innerliche Gefühle zu
unterschätzen oder ihre Bedeutung sogar ganz zu unterschlagen. Soll
man dem Täter verzeihen?
Stelle die Frage, wem eine Täter-Verzeihung nützt. Dem Täter nützt
sie auf jeden Fall. Falls jemand oder eine Weltanschauung dich (
unterschwellig) zum Verzeihen überreden will, dann stelle die Frage,
wessen Partei da vielleicht in Wirklichkeit ergriffen wird. Falls
jemand argumentiert, dass er ja nur dem Opfer helfen wolle: mache dir
klar, dass die Aufarbeitung abgespaltener dissoziierter Gefühle
um Größenordnungen/ wichtiger ist, ohne die eine gleichwertige
Beziehung zum Täter von vornherein /völlig unmöglich ist! Ganz
abgesehen davon, ob eine solche Beziehung überhaupt wünschenswert ist.

Ungleichgewichtige Beziehungs-Verhältnisse zugunsten des Täters (die
oft vom Opfer gar nicht /bemerkt/ werden), die dieser auf dem
Schleichweg der vorgeblichen Verzeihung erreicht oder gefestigt hat,
tragen den Charakter der Wiederholung und können dir schaden! Ein
wesentliches Kern-Merkmal von sexuellem oder physischem Missbrauch
ist ja gerade die /Ungleichgewichtigkeit/ der Beziehung bei der
Ausführung der Tat! Wenn ein angeblicher Helfer dieses Risiko der
stukturellen Ähnlichkeit einer "Verzeihung" mit den Tat-Beziehungsstruk

turen nicht sehen will oder es bagatellisiert, suche dir andere
Helfer!
Ein Therapeut, der auch nur unterschwellig Andeutungen macht, dass
man über die Frage der Täter-Verzeihung (oder in der christlichen
Variante "Versöhnung") nachdenken sollte, ist für die Behandlung von
sexuellem Missbrauch- ungeeignet.- Eine "falsche" oder gar (gegen
dissoziativ abgespaltene Persönlichkeits-Anteile ideologisch)
erzwungene Täter-Verzeihung kann einen im Heilungsprozess um Jahre
zurückwerfen. Es gibt sehr viel wichtigere Fragen mit wirklich
existentieller Bedeutung für Überlebende. Allenfalls kann sich die
Frage nach der Täter-Verzeihung am Ende der Therapie stellen. Am
Anfang ist es dagegen ein gefährliches Gift. Außerdem ist Täter-
Verzeihung zur Heilung *generell nicht notwendig!* Dies wird von
mehreren Therapie-Richtungen und Experten ausdrücklich bestätigt (u.
a. Alice Miller, Ursula Enders, ....... die Liste lässt sich fast
beliebig fortsetzen).
Wichtiger Hinweis: einige christliche Autoren wie z.B. Anselm Grün
behaupten oder suggerieren, man könne nur inneren Frieden finden,
wenn man verzeihe. *Dies ist (auch laut Konsens * mehrerer *
Therapie-Experten) definitiv falsch!* Eine falsche, viel zu frühe,
vielleicht sogar *überhaupt nicht mögliche* Verzeihung (z.B. weil
der Täter *uneinsichtig* ist - leugnet - bagatellisiert - verdreht
oder vielleicht sogar *weiterhin Kinder missbraucht*) stört im
Regelfall den inneren Frieden des Opfers ganz massiv, und zwar weil
man u.a. suggeriert bekommt, man wäre nicht fähig zu verzeihen! Die
durch das Lesen derartiger Bücher suggerierte angebliche "Unfähigkeit"
zur Verzeihung kann ganz massive Schuldgefühle auslösen. Auf diesem
Weise kann man im Teufelskreis der ursprünglich vom Täter ausgehenden
Schuld- und Schamgefühle hängen bleiben und gerade dadurch nicht
wirklich fähig zu einer (nicht unbedingt notwendigen) Verzeihung
werden! Selbst nach katholischer Lehre (z.B. die Lehre von den fünf b'
s) sind vor der Vergebung mehrere Vorbedingungen zu erfüllen, damit
Gott (nicht ein Mensch!) jemandem verzeihen kann. Die wichtigsten
davon sind *Einsicht* in die Schuld (Bereuen), das (im Urchristentum
sogar (öffentliches) *Bekennen* der Schuld, und das *Wiedergutmachen
* des eingetretenen Schadens. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt,
dann ist nach katholischer Lehre keine sakramentale Absolution
möglich. Dies scheint wohl den Leuten nicht bekannt zu sein, die
immer wieder fordern, Opfer müssten ihren Tätern bedingungslos aus
freien Stücken verzeihen!

Viele Überlebende sind und bleiben stabiler, wenn sie ihremPeiniger nicht verzeihen. Wenn sich ein Therapeut selbst
beherrscht und die Frage anfangs nicht thematisiert, dabei aber
unbewusst auf eine bestimmte Lösung dieser Frage hinarbeitet, ist das
ebenfalls schädlich.
Deshalb: Kümmere dich nicht um den Täter. Fange an, dich selbst gut
zu behandeln. Werde wie ein guter Vater und eine gute Mutter zu dir
selber. Das hilft dir mehr als alles andere!

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17. November 2009 um 9:22


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19. November 2009 um 8:28

Hallo Anja,
viele glauben daran, wenn man dem täter verzeiht, kann man sich auch verzeihen........viele opfer haben schuldgefühle und plagen sich mit vermeintlich begagngen fehlern herum, die sie bei sich selber suchen...........

.....Du gehst, den für Dich richtigen weg......vielleicht kannst Du Dich mal bei mir melden.......

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23. April 2010 um 12:36


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23. April 2010 um 13:49
In Antwort auf garth_12652843

Hallo Anja,
viele glauben daran, wenn man dem täter verzeiht, kann man sich auch verzeihen........viele opfer haben schuldgefühle und plagen sich mit vermeintlich begagngen fehlern herum, die sie bei sich selber suchen...........

.....Du gehst, den für Dich richtigen weg......vielleicht kannst Du Dich mal bei mir melden.......

Verzeihen ...
hallo,

ich habe immer wieder gehört, dass ich auch dem täter verzeihen soll. habe dann vor längerem mit meiner therapeutin darüber gesprochen und sie meinte, dass wichtigste ist, dass ich mir selbst verzeihe und es ist wichtig durch alle gefühle durchzugehen um diese zu integrieren und mit sich selbst frieden zu schließen, dem täter muss man nicht verzeihen. zum verzeihen gehören ausserdem immer zwei, dh auch ein schuldeingeständnis und reue des anderen. verzeihen kann auch nur von herzen kommen. ich hoffe, den frieden für mich selbst zu finden, aber dem täter verzeihen kann ich nicht. lg fux38

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23. April 2010 um 13:50

Verzeihen
hallo anja,
ich sehe es genauso wie du, lg fux38

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23. April 2010 um 15:37

Verzeihen
viel text, aber hat mir bestätigt, dass mein entschluss, endlich eine therapie zu beginnen, der richtige war! warum sollte ich den menschen, die mich innerlich umgebracht haben, die mir mein "erstes mal" gestohlen haben, verzeihen? weder will ich, noch kann ich das!

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