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Überfordert mit den psychischen Problemen einer Bekannten!

Letzte Nachricht: 1. November um 5:37
S
serlina78
29.10.22 um 11:22

Liebe Community,

ich habe eine Bekannte, deren väterlicher Freund (95) vor einem halben Jahr verstorben ist. Seit seinem Tod hat sie vermehrt mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen.
Ich sollte noch dazu schreiben, dass sie sich viele Jahre nicht bei mir gemeldet hat, sondern erst vor ein paar Monaten wieder...

Wir treffen uns seitdem ein- bis zweimal pro Woche. Zuerst habe ich mir noch große Mühe gegeben, ihr zuzuhören und versucht, ihr Ratschläge zu geben. Das Problem ist, dass sie Frührentnerin ist und keine Aufgabe hat. Ihre selbstgesetzte Aufgabe besteht darin, sich für jeden Tag Bekannte zu organisieren, die ihr zuhören oder ihr Gefälligkeiten erweisen.
Leider ist es so, dass sie in einer Tour herumjammert. Immer geht es darum, dass sie betont, dass sie allein nicht nur einsam, sondern hilflos und überfordert ist und finanziell nicht zurechtkommt. Sie wünscht sich, so schnell wie möglich einen Partner zu finden, der sie aus dem Schlamassel rausholt, damit sie aus ihrer ungeliebten Wohnung ausziehen kann und es ihr finanziell besser geht. Wenn ich 5 Stunden mit ihr zusammensitze, geht das 5 Stunden lang so. Für andere Themen ist sie kaum empfänglich.

Ich habe so langsam keine Kraft mehr. Ich arbeite als Betreuungskraft in einem Altenheim und dort erlebe ich genug Leid, was mich auch oft runterzieht. Außerdem bin ich psychisch auch nicht stabil und habe massive Schlafstörungen.
Da meine Bekannte neben den Treffen auch meistens zweimal pro Woche anruft, habe ich es jetzt schon einige Male gebracht, nicht ans Telefon zu gehen. Letzte Woche war sie schon panisch, als ich 2 Tage nicht rangegangen bin. Da hatte ich ein schlechtes Gewissen und habe mich bei mir entschuldigt. Diese Woche hatten wir verabredet, dass wir am Donnerstag telefonieren. Doch ich war nach einer halb schlaflosen Nacht so übermüdet, dass ich wieder nicht rangegangen bin.

Ich fühle mich in der Rolle einer Therapeutin einfach überfordert. Ich weiß nicht mehr, was ich noch sagen soll, wie sie etwas in ihrem Leben verändern kann.
Muss ich mich schlecht fühlen, wenn ich mich mal für ein paar Tage abschotte?

Liebe Grüße,
Serlina



 

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S
sisteronthefly
30.10.22 um 9:57

Guten Morgen, 

du brauchst dich für nichts entschuldigen. Du hast ein Recht auf Ruhe und darfst sagen, wenn dir etwas zuviel wird. Es ist auch nicht deine Aufgabe ihr Leben zu verändern. Dies darf sie selbst tun. 

Es gibt Menschen, die äußerst gerne über die Grenzen anderer Menschen latschen. Das passiert in deinem Fall gerade. Es trifft leider viele Menschen in helfenden Berufen. Von daher ist es enorm wichtig an seiner eigenen emotionalen Stabilität zu arbeiten und auch an der Wahrung seiner persönlichen Grenzen. 

Du stellst dir jetzt bitte einmal vor, wie du mit einem Zirkel zwei Kreise zeichnest. Wenn du einen Zirkel zu Hause hast kannst du es auch umsetzen. Zeichne die Kreise so, dass sie ineinander liegen, also eine Schnittmenge entsteht. Jeder Kreis steht für eine Person, dein Gegenüber und du. Die Schnittmenge ist der Ausgangspunkt für ein Zusammentreffen, in der Interaktion stattfindet. Das kann Kommonikation sein oder auch nur zuhören, oder Hilfe bzw. Unterstützung. Du öffnest die Tür, bzw. betrittst den Raum. Ab diesem Moment richtest du deine ganze Aufmerksamkeit auf die andere Person. Nach einer von dir festgelegten Zeit, und das ist wichtig, verlässt du den Raum und gehst zurück in deinen Kreis. 

Mit diesem Model könntest du auf der Arbeit üben. Tür auf, Tür zu. 
Um dich herum scheint die Grenze zu durchlässig zu sein. Das heißt, die Menschen, die deine Grenze überschreiten dürfen in deinem persönlichen Bereich wüten und sich verhalten, wie sie wollen. Auf emotionaler Ebene merkst du das an einer tiefen Erschöpfbarkeit, an deinen Gefühlen und an deinen Gedanken. Zur Wahrung deiner Grenze gehört allerdings, dir selbst sehr bewusst zu sein. Das ist etwas, woran du arbeiten kannst. Z.B. Was macht die Situation mit mir? Was fühle ich, wie geht es mir damit? Je bewusster du bist, umso leichter fällt dir die Einschätzung, wo deine Grenze liegt. 

Deine Bekannte möchte derzeit keine Hilfe. Sie zieht ihre Kraft aus deiner Energie. Für dich wäre es wichtig, ihr deutlich zu sagen, dass sie deine Grenzen überschreitet. Da man niemanden verletzen möchte, könntest du ihr sagen "ich bin gerne bereit dir zuzuhören, für eine Stunde." Normalerweise erklärt sich dein Bedarf nach Ruhe von selbst. Menschen, die nur sich selbst wahrnehmen können müssen das eventuell deutlich gesagt bekommen. 

Ganz wichtig, gib ihr keine Ratschläge mehr. Helfen bedeutet auch an die Eigenverantwortung appelieren. In deinem Job geht es auch darum. Nicht jedem alles abzunehmen, sondern Ressourcen entdecken und fördern. Selbst aktiv werden lassen. Es ist ungleich schwerer in Menschen ein Bewusstsein zu erwecken, das kann ich selber. 

Bei diagnostizierter Depression und Angststörung gehört deine Bekannte in therapeutische Behandlung! Wenn diese Phasen aufgrund einer Trauerreaktion entstanden sind haben sie möglicherweise nicht den Krankheitswert, wie man es annehmen könnte. Es könnte sich um eine mangelnde Bewältigung des Verlustes handeln. Auch dies ließe sich therapeutisch angehen. Ihr fehlen einfach Bewältigungsstrategien, um mit einem für sie schweren Verlust fertig zu werden. Du bist aus dieser Nummer raus. 

LG Sis

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irishlady
irishlady
30.10.22 um 16:43

Du brauchst dich überhaupt nicht schlecht fühlen und es ist total verständlich, dass dir das alles zu viel ist.
Du hast ihr immer zugehört und sie konnte ihr Leid mitteilen, aber wenn von ihr nur immer das gleiche Thema und ihre Sorgen kommen ist es verständlich, dass du das langsam nicht mehr ertragen kannst. 
Ich kann mir vorstellen, dass du schon oft versucht hast sie zu trösten und für sie da warst. 
Ich habe das Gefühl, dass sie nur jemanden sucht, bei dem sie sich ausheulen kann. 
Natürlich ist ihr Verlust schlimm und das es ihr schlecht geht ist auch vollkommen verständlich. 
Aber du bist kein Psychotherapeut und wenn man immer nur von diesem Menschen hört wie schlecht es ihm geht und er nicht mal merkt, dass es dich vielleicht auch irgendwann runter zieht, überfordert und belastet, solltest du vielleicht wirklich mal mit ihr reden.
Sag ihr, dass es dir wirklich leid tut, wie es ihr geht aber das dir das ständige reden nur über dieses Thema einfach zu viel wird.
Sag ihr, dass du ihr gern zuhörst und für sie da bist aber das sie auch verstehen muss, dass du dich nicht 5 Stunden am Stück darüber unterhalten willst und kannst.
Schlage ihr vor, sich abzulenken, indem ihr gemeinsam Dinge tut die euch spaß machen.
Leg ihr auch ans Herz, dass sie sich vielleicht therapeutische Hilfe holen soll. 
Das würde ich tun...
und wenn sie das nicht einsieht oder etwas versteht, solltest du Abstand nehmen. 

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R
roterregen
01.11.22 um 5:37

Guten Morgen Serlina,

nein! Schotte dich ruhig ab, vielleicht ist es aber hilfreich, wenn du deiner Bekannten deine berufliche bzw. persönliche Situation kurz und knackig schilderst, damit sie dich versteht und dich dann vielleicht auch mal in Ruhe lässt.

Es ist dringend erforderlich, so wie du das schilderst, auch mal Abstand zu gewinnen und quasi durchzuatmen, auch wenn es schwer fällt... und gesagt ist es meist eh leichter...

Mir geht es mittlerweile manchmal so, dass ich gelegentlich leichte Panikattacken bekomme, wenn ich nicht auf mich achte... und andere zu weit gehen lasse...

So weit willst du es bestimmt nicht kommen lassen...!

Viel Glück!
Viele Grüße
Tom


 

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