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Prinzessin und Drache

4. Dezember 2013 um 4:08

Hallo,
ich lese hier ab und zu mit, aber schaffe es nie zu posten. Generell, fällt es mir sehr schwer über Erlebtes zu sprechen oder schreiben.
Ich schreibe gerne, aber Märchen oder Geschichten landen bei mir meist im Müll, weil ich mich davon meist erdrückt fühle. Diese Geschichte habe ich geschrieben, nachdem ich in einem Buch ein Zitat gelesen habe. Und es ist das ehrlichste was ich je geschrieben habe. Gleichzeitig das schmerzhafteste. Bis zur nächsten Therapiestunde dauerts noch, und ich weiß nicht mal ob ich bereit bin so viel zu teilen.
In einem anonymen Forum fällt es mir definitiv leichter. Der Wunsch das ich mich mitteile ist ja da, aber es funktioniert dann während der Stunde einfach nicht.

Rielke schrieb, dass vielleicht alle Drachen unseres Lebens nur Prinzessinnen sind, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen.
Das ist die Geschichte genau jener Prinzessin, die einen Drachen in ihrem Leben hat, der sie nicht loslassen will. Vor langer Zeit, als diese Prinzessin noch klein war, war ihr Drache eigentlich ein Prinzenfreund, bis er plötzlich an einem Abend zu dem schrecklichsten, angsteinflößendsten Drachen wurde, den sie je gesehen hat.
Der Drachen wollte sie immer schon schön sehen, als sie noch klein war. Heute will sie ihm wenigstens mutig gegenüber stehen, damit sie ihm das zeigen kann, was sie damals nicht schaffte.
Die kleine Prinzessin mochte den Drachen einen Teil ihres Lebens sehr gerne. Er kam ihr alt vor, aber deswegen hatte er in ihren Augen auch so viele tolle, wundersame Dinge in seinem Schloss. Stundenlang konnte sie mit ihrem Bruder in seinem Schloss spielen ohne, dass es je langweilig wurde und als es Zeit war zu Gehen waren die kleine Prinzessin und ihr Bruder oft sehr traurig. Manchmal durften sie sogar in seinem Schloss übernachten, was für die Prinzessin immer ganz besonders aufregend war. Obwohl sie abends manchmal ihren Vater vermisste sie, wusste sie, dass sie auf keinen Fall nach Hause möchte. Denn als der Drache noch ihr Prinzenfreund war, machte er ihr immer ein ganz besonderes Frühstück, das es sonst nirgendwo gab.

Genau an so einem Abend, als sie vielleicht doch lieber bei ihrem Vater gewesen wäre verwandelte sich der liebe Prinzenfreund in einen feuerspuckenden Drachen.
Dabei war die kleine Prinzessin an diesem Abend so stolz, denn ihr Bruder musste schon schlafen gehen, als sie noch aufbleiben durfte. Sie war fürchterlich aufgeregt, denn so lange durfte sie daheim nie wach bleiben und ganz insgeheim hat sie sich gefreut, dass ihr Bruder nicht dasselbe Privileg hatte wie sie. Gedanken wie diese, sind auch heute noch ganz klar ihrer Erinnerung, obwohl vieles danach nicht mehr so sicher ist für die Prinzessin. Sie kann sich nicht mehr an den Moment erinnern als der Prinzenfreund sich begann in einen Drachen zu verwandeln. Sie hat den Moment verpasst um es zu sehen, sie kann sich nur noch an den Moment erinnern als es schon zu spät war. Das ist der Zeitpunkt für die kleine Prinzessin an dem sie aufgehört hat ihn als Prinzenfreund zu sehen und er für sie zum Drachen wurde. Diesen Augenblick wird sie nie vergessen. Er war noch kein richtiger Drache, aber sie wusste, dass etwas schreckliches passieren wird. Die Prinzessin hatte damals noch keine Ahnung was genau geschehen wird, aber alles in ihrem Körper schrie ihr zu, dass es nicht gut sein wird. Sie wollte ihren Körper am liebsten stumm stellen, weil ihre Ohren so sehr dröhnten. Die Prinzessin erinnert sich noch gut, dass ihr Herz in einem Moment raste und im nächsten einfach zu klopfen aufhörte. Genau so ging es mit ihrem Blut. Sie konnte es in ihren Ohren rauschen hören, bis es plötzlich absolut still war- genau was sie zuerst wollte, doch wodurch sie jetzt nur noch mehr Angst bekam. Noch nie hatte sich die kleine Prinzessin zuvor so schrecklich gefühlt. Als die Sekunden ihr wie Stunden vorkamen geschah etwas, wovon nicht einmal sie selbst wusste, dass sie es konnte. Ihr Körper verwandelte sich nach und nach in einen Stein. Ihr Körper war schwer und sie konnte sich nicht mehr von selbst bewegen. Als der Drache mit ihr sprach, konnte sie nicht antworten und als er begann sie zu bewegen, konnte sie sich nicht wehren. Sie saß da wie ein Stein, mit dem man alles machen konnte.
Der Drache musste sie an der Hand nehmen und die Stufen hinauf zerren als sie endlich schlafen gehen durfte, denn sie konnte noch immer nicht wieder richtig gehen. Und als sie begann ihren Körper wieder zu spüren waren ihre Knie ganz weich und ihr Körper zittrig und sie war sich nicht sicher ob sie leben oder sterben wird.

Irgendwann war der Drache weg und sie saß neben ihrem schlafenden Bruder im Bett. Der schlafende Bruder ist die traurigste Erinnerung den die Prinzessin an den Abend hat. Obwohl die Prinzessin heute schon erwachsen ist, weiß sie noch genau wie sie sich damals, in diesem Moment, gefühlt hat. Sie ist sich nicht ganz sicher, wieso genau dieser Augenblick so traurig für sie ist, aber sie sieht die kleine Prinzessin noch vor sich am Bett sitzen wie sie ihrem Bruder beim Schlafen zusieht. Wie friedlich und zufrieden er aussah. Irgendwann musste die kleine Prinzessin weinen, doch mit jeder Träne wurde ihr Schmerz mehr und weil sie solche Angst hatte, dass der Bruder aufwacht oder der Drache wieder kommt, presste sie ihr Gesicht so fest gegen ihr Kissen wie sie nur konnte.
Die Tränen wurden nicht weniger, aber die Prinzessin konnte ihre Schmerzen schon nicht mehr ertragen. Vielleicht waren es Stunden, vielleicht auch nur Minuten, aber irgendwann setzte sie sich wieder aufrecht in ihr Bett. Während sie im dunklen saß und nicht wusste was sie tun sollte sah, sie immer wieder ihrem kleinen Bruder beim Schlafen zu. Er war zufrieden in seine Bettdecke gewickelt und sie musste immer wieder an seinen Schmerz denken, als er schlafen gehen musste, aber sie wach bleiben durfte. Die kleine Prinzessin hätte ihm so gerne die Enttäuschung weggenommen und ihm gesagt, dass er Glück hatte. Sie war so froh, wie friedlich er neben ihr lag und dass er sicher war. Das ist der Moment für die Prinzessin in dem sie begonnen hat ihren kleinen Bruder bedingungslos zu lieben. Sie hätte in diesem Moment all seine Schmerzen weggenommen nur damit es ihm gut geht. Es ist schwer zu beschreiben wie sich die Prinzessin selbst heute noch fühlt wenn sie daran denkt. Oft fragt sie sich ob Menschen sich so fühlen kurz bevor sie sterben. Ein schweres Herz, voll mit Liebe. Dankbarkeit, dass es diese Personen in ihrem Leben gibt, aber die Gewissheit, dass sich alles ändern wird.

Nachdem der Prinzenfreund zum Drachen wurde war nichts mehr wie davor. Die kleine Prinzessin hat sich verändert, obwohl ihr Leben immer noch das selbe war. Für sie war nichts mehr gleich.
Wenn die erwachsene Prinzessin heute an den kleinen Bruder zurück denkt, sieht sie diesen verletzlichen, kleinen Buben, der so sensibel war. Den alles viel härter getroffen hat als die Prinzessin selbst und sie ist froh, dass sie es war und nicht er, der den Drachen ins Leben bekommen hat.
Heute sitzt die Prinzessin in ihrem eigenen Schloss. Sie liebt ihr Schloss, aber trotzdem fühlt sie sich nie wirklich wohl darin und mittlerweile weiß sie, dass sie ihr Schloss erst erobern kann wenn sie denn Drachen besiegt hat.
Es gibt vieles was die Prinzessin gerne über den Drachen erzählen würde, aber ihre Lippen verwandeln sich jedes Mal in denselben Stein der sie damals schon war. Manchmal spürt sie wie ihr ganzer Körper zu beben beginnt wenn sie sprechen will, manchmal spürt sie nur ihre Lippen zucken, aber dann weiß sie ganz genau, dass der Drache um die Ecke steht und sie nicht reden darf. Was der Drache mit ihr gemacht hat, weiß die Prinzessin nicht ganz genau, aber sie ist sich mittlerweile sicher, dass er viel zu lange über sie geherrscht hat. Am liebsten würde sie vergessen und vergeben und sich endlich wohl fühlen. Ohne Erinnerungen, heute beginnen mit der Zukunft.
Rielke schreibt, dass vielleicht alles Schreckliche im Grunde, das Hilflose ist, das von uns Hilfe will. Aber die Prinzessin ist sich sicher, das Schreckliche war der Drache und der war bestimmt nicht hilflos. Hilflos war die kleine Prinzessin und die hätte Hilfe gebraucht.




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4. Dezember 2013 um 14:42

...
zu aller erst... das ist eine wunderschön geschriebene geschichte.
ich selbst verarbeite meien geschichte auch in einem roman den ich gerade schreibe. bin bei seite 100 und es tut gut.

es ist gut, dass du, obwohl du noch nicht wirklich reden kannst, das schreiben als ventil verwendest.

und dass die prinzessin zu stein wurde...
das gefühl kenne ich nur zu gut. taub, zu stein, Puppe, nichts sein, einfach nichts sein.

Ich hoffe dass deine therapie dir hilft. Wenn du sonst reden möchtest, ist das hier wikrlich genau der richtige ort dafür.

Du bist stark und nicht allein damit. vergiss das nie : )

Alles Liebe

PS: wenn du reden möchtest irgendwann mal... kannst mir gerne schreiben. nur wenn du möchtest. ich dneke unsere geschichten sind sehr verschieden, aber einige gefühle sind gleich. habe viel in deiner geschichte von mir selbst wieder erkannt.

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