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Meiner Mutter starb, und mit ihr auch ein Teil von mir

Letzte Nachricht: 12. November um 20:58
U
user1577881806
05.11.21 um 21:58

Hallo liebe Gemeinde,

meine Mutter starb vor 3 Wochen an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Sie hat die Diagnose vor 3 Jahren bekommen und sich durch Chemos und Schmerz und Leid gekämpft um uns noch ein wenig Zeit zu schenken.
Eigentlich ein Wunder, das sie überhaupt noch solange Zeit hatte.
Dann, gegen Ende, merkte man das ihr immer mehr die Kraft fehlte und es einfach von Tag zu Tag ansträngender wurde.
Meine Mutter war immer so ein lieber Mensch, so herzensgut und so fürsorglich. Sie hat sich stets das innere Kind behalten und war so mutig und stark!
Eigentlich bis zum letzten Atemzug.
Mein Bruder und mich erreichte die Nachricht rechtzeitig, wir konnten zu ihr ins Krankenhaus fahren und ich konnte bis zum letzten Atemzug ihre Hand halten.

Aber nun kommt die ungeschönte Wahrheit: Sie ist gestorben.

Die erste Woche war unwirklich. Ich war wie immer, nur etwas emotionaler. Schneller genervt von Menschen, und schneller am Ende jeglicher Belastung. Nach wenigen Stunden unter Menschen musste ich heim, meine sozialen Batterien waren unglaublich schnell aufgebraucht.

Die zweite Woche war dann schon etwas schlimmer. Ich spürte feine Risse in der hart erbauten Mauer in mir, und wusste instinktiv das ich das nicht lang durchhalten würde.

Nun ist Woche angebrochen, und es ist die Hölle. Ich hoffe ehrlich das es nicht noch schlimmer wird, denn ich weiß sonst nicht wie ich das alles überstehen soll.
Sie fehlt mir so unendlich!
Der Schmerz ist betäubend und so tief, das es einem schwarzen Loch gleicht.
Es saugt alles auf.

Ich hatte in den drei Jahren ihrer Krankheit immer Angst vor diesem Moment.
Vor dem Moment wenn sie weg wäre und ich es realisiere. Wenn die Welt mit jedem Herzschlag etwas mehr Farbe verliert, immer grauer und monotoner wird.

Sicher höre ich "Hey, aber sie hat nicht leiden müssen!" oder "Kopf hoch, sie hätte gewollt das du in die Zukunft blickst!"
Oder der Klassiker "Das schaffst du schon"
Was wissen die alle schon von meiner Mutter, oder meinem Schmerz?
Warum sagt es sich immer so leicht?

Die Welt wird ein gleichmäßiges Rauschen und fast so interessant wir der Rauputz an meiner Wand. Was soll diese Welt schon bieten, außer den immer wieder kehrenden Alltag in dem ich sie nicht anrufen kann.
Ein Alltag, in dem ich nicht ihre Hand halten kann.
Zum Glück, und das ist wohl das einzig wirklich Gute (Neben der Tatsache das sie wirklich nicht leiden musste), ist das ich bei ihr war, und das ich nichts bereue. Sie war so wunderbar und ich will eines Tages genauso sein wie sie, denn ich weiß dass das Leben weitergehen muss.

Aber im jetzigen Moment will ich daran nicht denken. Ich kann nur daran denken dass das Leben nicht fair ist, das ich sie zurück will. Das wir noch so oft essen gehen wollten, gemeinsam zur Massage. Ich denke an die Zeit die wir hatten und hab auch jetzt wieder Tränen die sich nicht stoppen lassen.
Es ist als ob ich am Ertrinken wäre, es reicht eine kurze Unachtsamkeit meinerseits und ich tauche ab in den Kummer.
Ja, das Wort passt. Nie wusste ich wirklich was Kummer bedeutet. Ich dachte immer, es wäre ein anderer Ausdruck für Traurigkeit aber das ist es nicht. 
Kummer ist soviel dunkler, viel tiefer und gewaltiger. Es reißt die Seele zu Boden, lässt dich nicht atmen oder denken.

Ich denke, mit meiner Mutter ist auch ein Teil von mir gestorben.
Er wird nie wieder nachwachsen, und nichts kann diese Lücke füllen.
Ob das gut ist oder nicht, werde ich irgendwann sehen.

Ich habe den Text verfasst weil ich das dringend loswerden musste, und weil ich hoffe das es da draußen Menschen gibt denen es so ähnlich geht. Ich hoffe ihr findet Mut darin das euer Kummer einzigartig für Euch ist, ihr aber nicht allein seid damit.

An alle Mütter, Väter und Kinder die die Hand ihrer Eltern öfter halten sollten.

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A
amber319
12.11.21 um 20:58

Hallo  user1577881806,

als ich Deinen Brief gelesen habe dachte ich für einen Moment wirklich das wäre meiner.

Zunächst einmal fühl dich umarmt in deinem Schmerz. Hab meine Mama vor 6 Wochen verloren. Sturz, Steißbeinbruch, Notaufnahme und mit Schmerzmitteln nach Hause entlassen...einen Tag später hat sie nur gebrochen, wieder Krankenhaus, leicht Fieber,zwei Tage später Intensivstation, septischer Schock und dann der Tod.

Ich krieg das auch noch überhaupt nicht auf die Reihe. Mein Vater ist seit 3 Jahren ein Pflegefall den sie aufopfernd gepflegt hat bis zur Selbstaufgabe.....Bestimmt war auch deshalb Ihr Immunsystem so runtergefahren, dass sie einfach nicht mehr konnte.

Zum Glück haben wir es uns im Urlaub nochmal richtig schön gemacht.....da war wohl so ne Vorahnung.........?

Wir haben alle nur meinen Vater gesehen....(ich bedingt eingeschlossen ) meine Mutter war garnicht auf dem Plan. Wir hatten soviel Stress und auch Ideen. Hab oft zu ihr gesagt wenn Papa nicht mehr ist hol ich dich zu mir. Das hat sie gerne gehört....ob sie es je gemacht hätte ist fraglich, sie wollte ja nie jemandem zur Last liegen....denke darum hat sie auch unbewusst diesen Weg gewählt....für sie sicher besser für mich ein Meer aus Schmerz.

Diese Endgültigkeit reisst einem förmilch die Beine weg. Dass wir 25 Jahre Haus an Haus gewohnt haben hat uns zusammen geschweißt...Papas Pflege auch......die eine hat die andere getröstet......täglich haben wir uns mehrmals gesehen. Oft nur im Garten. Sie in ihrem, ich in meinem..haben uns zugewunken und all die anderen Kleinigkeiten....und nun nichts mehr........

Komme mir vor wie nach einem Fallschirmsprung....freier Fall...........nur gibt es hier kein Netz....Wache auf, erster Gedanke Mami...gehe schlafen....letzer Gedanke Mami.....fahre nach der Arbeit nach Hause.....und ihr Fenster bleibt zu....Mami 

Vor diesem Moment hatte ich lange Angst.....nun ist er da.......! Der Moment der die Welt monoton rauschen lässt, dich wie im Nebel laufen lässt.....der einem den Sinn der Zukunft nimmt...der einem die eigene Vergänglichkeit und das Alter vor Augen hält.

Und alle Gedanken laufen immer nur auf das eine hinaus..................Schmerz!
Als hätte man eine riesen Fleischwunde am Herzen. Irgendwie amputiert.....

Konnte die erste Zeit keine Menschen ertragen. Einkaufen war die Hölle. Waren alle so in ihrem Leben gefangen und ich dachte immer.....mein Gott habt ihr Probleme.

Und genau an diesem Punkt stehe ich noch immer........all die klugen Sprüche helfen nicht........habe ein Buch erhalten für mehr Stress Resilenz ...was soll der Mist!

Geb als Entspannungspädagogin seit Jahren Kurse in der VHS für Autogenes Training........und muss mir anhören.....: Na wenn das einer weg packt, dann Du!!
Ich glaub ihr seid nicht ganz dicht............sorry? IST MIR ZU HOCH.....

Bin umgeben von völlig empathielosen verständnislosen Seelenhüllen......sie war ja immerhin schon 78......!! Was für ne Aussage ! muss ich auch noch ein schlechtes Gewissen kriegen, weil man für ältere Menschen trauert?

.........dieser Zustand macht mir mehr Angst als die Trauer an sich.   Habe lange überlegt ob ich hier überhaupt schreiben soll.....Höre schon jetzt die Kommentare dass das Leben weiter gehen muss.......und man sich nicht so völlig fallen lassen darf.....
Auch noch Verständnis haben muss für diejenigen die anders oder garnicht trauern...Die eine andere Wahrheit haben als man selber.......

Das ganze tun und handeln.....halt alles was gemacht werden muss, versuche ich in Ihrem Sinne zu tun....ich kannte sie ja in und auswendig......was ihr so wichtig war..das versuch ich einzuhalten......weil ich mir sonst als Verräter vorkomm. Dann darf ich mir noch von den Geschwistern anhören, dass ich nicht den Platz der Mama einnehmen darf.....ausser bei der Pflege von Papa da soll ich sein wie Mama......bitte ?

Als ich mich getraut habe zu sagen, das hätte Mama nicht gewollt bekam ich zur Antwort.......!....aber Mama ist jetzt nicht mehr da!!!!!! und das von der eigenen Schwester? .....na Danke......und warum habt Ihr dann an Ihrem Grab geweint? Achja ...ihr geht nach Hause und nehmt eure Erinnerungen mit. .......aber ich bleibe hier in ihrem und meinem Zuhause und es sind für mich nicht die Erinnerungen es war unser Leben.......! 

Seit Mamas Tod nun noch Paps Abbau zu sehen, macht mich kaputt......er liegt im Sterben! ....will nicht mehr! 
Und alles was mein Bruder und meine Schwester von sich geben ist: ....er hat ja jetzt eine 24 Stundenpflege aus der Urkaine.......habt ihr sie noch alle?

Das war genau das warum Mama immer sagte: die kommen immer alle und reden, reden, reden......aber machen musst es Du und ich.....wie recht sie hatte. 

Die ganze Beerdigung hab ich organisiert....Friedwald, wie sie es sich immer gewünscht hat....Sängerin.....schöne Rede......
Den ganzen Papierkram mit Bank und Rente......nebenbei noch Papa...Sozialstation, Pflegerin.....DAK...Pflegekasse...Arbeiten...und und und......heut die letzten Trauerkarten versendet......die (wer sonst) ich hab machen lassen......schön mit Wald und Sprüche drauf...........

Und nun steh ich da.......hab auch noch ein schleches Gewissen weil man ja keinen Dank will sondern nur die Bestätigung dass alles schön gemacht wurde.

Und dann der Spruch......ja nett!.........................Bitte ?

Mir ist wohl klar dass man in der Trauer empfindlicher reagiert als im normalen Modus.
Sogar was mir besonders auffällt... ich extrem aufnahmefähig bin....klarer als sonst....unglaublich Wahrheitsliebend und der Gerechtigkeitssinn nun besonders mit einem durchgeht, irgendwie ist der Verstand schärfer........und man leider unglaublich verletzlich ist...

........................................und in solch einem Zustand nur von Vollhonks umgeben ist........Hallo?

Meiner Arbeitskolleging ihr Mann ist vor 3 Monaten verstorben....ja klar das ist schlimm....keine Diskussion...Aber warum zum Teufel wird einem dann auch noch vom Chef gesagt: Den Partner zu verlieren ist ja nochmal eine ganz andere Nummer als die Eltern..................da hörts bei mir auf mit Verständnis....! Wer gibt jemandem das Recht Seelenschmerz zu differenzieren?

Mit dieser innerlichen Verwahrlosung, mit der komm ich grad überhaupt nicht zurecht und bin auf dem sozialen Rückzug......vlt kommt irgendwann mal wieder die Zeit wo man das etwas distanzierter sieht......mag sein.
Aber momentan kann und will ich keinem Vertrauen und glauben.....diese Fundamentale Liebe einer Mama ist mit nichts zu ersetzen..............................mit nichts ! 

Dann sich auch noch anhören: "Nimm dir doch nicht alles so zu Herzen" !........eih Leute nicht Euer ernst oder ?

Mit der Trauer komm ich irgendwie zurecht, aber Ihr auch ohne HERZ ?
Da nehm ich lieber den Schmerz in Kauf mit dem Wissen wenigsten spür ich noch mein Herz.....es ist das was  ich vererbt bekam........Danke Mami 




 



 

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