Forum / Psychologie & Persönlichkeit

Meine Geschichte

24. April 2019 um 12:56

Als ich noch klein war, lebte mein Vater noch bei uns. Er war starker Alkoholiker und hatte regelmäßig Wutausbrüche. Immer wenn es wieder so weit war, habe ich versucht mich zu verstecken um ihn nicht unnötig aufzuregen. Außerdem habe ich immer schnell mein Zimmer aufgeräumt, weil er mich immer als Schlampe bezeichnet hat. Im Alter von 7 dachte ich, dass er damit meint, ich wäre schlampig, also unordentlich. Mein Vater wurde auch oft handgreiflich meiner Mutter gegenüber, deshalb wollte ich natürlich erst Recht nicht, dass er wütend wird. Wenn er Abends heim kam, hat meine Mutter mich oft ins Bett gebracht und gesagt, dass ich mich schlafend stellen soll. Dann hörte ich ihn schreien und Dinge rumwerfen. Schlafen konnte ich dann natürlich nicht. Bis ich 17 war änderte sich daran nichts. Ganz im Gegenteil… Er verlor seinen Job und trank von da an noch mehr und wurde immer unerträglicher. Bei meinem ersten richtigen Date, war ich mit dem Jungen essen als plötzlich mein Handy klingelte und die Polizei dran war. Die Polizistin bat mich schnell nach Hause zu kommen. Mein Vater war diesmal richtig extrem ausgerastet und hatte meine Mutter fast totgeschlagen, die Wohnung lag in Trümmern und die Nachbarn hatten die Polizei verständigt, weil sie die Hilfeschreie meiner Mutter gehört hatten.
Wenige Tage später musste ich zu meinem zukünftigen Arbeitgeber um meinen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben. Da ich noch nicht 18 war, benötigte ich ebenfalls die Unterschrift meiner Eltern. Zum besagten Termin tauchte mein Vater total betrunken auf und beleidigte meine Ausbilderin aufs Übelste. Mir war das so peinlich, dass ich am liebsten nie in dieser Firma angefangen hätte. Meiner Mutter durfte er sich durch einen Gerichtsbeschluss eh nicht mehr nähern und ich habe daraufhin auch den Kontakt zu ihm abgebrochen. Mir tut das heute (17 Jahre später) noch weh. Wenn mein Papa nüchtern war, war er ein toller Mann. Ich habe immer gehofft dass er irgendwann zur Vernunft kommt und wieder mein Vater sein wird, aber das ist nie passiert. Er gibt mir die Schuld daran, dass er so geworden ist. Und hat mir sogar mehrmals gesagt, dass ich ein Unfall war und eigentlich gar nicht auf der Welt sein sollte. Und trotzdem wünsche ich mir nichts mehr als meinen Papa nüchtern zurück zu bekommen. Ich weiß wie krank das ist! Ich Frage mich immer, ob man ihm hätte helfen können und warum er so geworden ist.

Dann gab es da meinen besten Freund. Zur gleichen Zeit wie das mit meinem Vater war, bekam er Krebs. Ich hatte so wahnsinnig Angst ihn auch noch zu verlieren und so saß ich während der ganzen Behandlungen an seinem Bett, während der Operationen vor der Tür und tat alles dafür zu jeder Sekunde erreichbar zu sein, falls irgendwas ist. In so jungen Jahren Krebs zu bekommen, löste bei ihm Depressionen aus und er wollte sich mehrmals das Leben nehmen. Das war für mich eine sehr schwere Zeit, weil die Angst ihn zu verlieren mich fast um den Verstand gebracht hat.
Als er mit dem Auto gegen einen Baum fahren wollte, hab ich mich auf seine Motorhaube gesetzt und mich geweigert runter zu gehen, als er sich eine Überdosis Drogen beschaffen wollte und mich nicht zu sich ließ, saß ich bei Minusgraden die ganze Nacht vor seiner Haustüre um jeden abfangen zu können, der ihm eventuell Drogen bringen könnte. Wenn er sich betrunken hat, bin ich nüchtern geblieben um auf ihn aufzupassen und einen klaren Kopf zu haben wenn er weinend da saß. Ich habe ihn stundenlang getröstet und ihm versichert, dass wir das gemeinsam durchstehen.
Irgendwann wurde sein seelischer Zustand auch besser und er fand seinen Lebenswillen wieder.

Ich hatte nie wirklich Probleme einen Freund zu finden und ich war ziemlich erfolgreich als Verkäuferin. Beides hatte ich vermutlich meinem Aussehen zu verdanken. Doch auch wenn es leicht war einen Mann zu finden, ich könnte echte Liebe nicht wirklich empfinden. Vielleicht lag das daran, dass mir meine Eltern eine derart miserable Beziehung vorgelegt haben. Bis ich kurz vor meinem 30. Geburtstag Patrick kennen lernte. Zum ersten Mal hab ich gefühlt was es heißt verliebt zu sein.
Zum ersten Mal hab ich mich auf jemanden eingelassen und gedacht, dass ich doch dazu in der Lage bin.
Mein Leben war auf einmal perfekt. Guter Job, super Beziehung, mein bester Freund war gesund und glücklich, meine Mama lebte alleine, aber glücklich. Bis auf meinen Papa hatte ich also alles was ich mir gewünscht habe!
Und dann von einem Tag auf den anderen war mein Gesicht gelähmt.
Trinken war ohne sabbern nicht mehr möglich, meine Mimik war ganz verschwunden, meine Gesichtszüge hingen nur noch traurig herunter. Keiner konnte mehr unterscheiden ob ich lache oder böse schaue. Es gab nur noch einen Gesichtsausdruck und der war traurig.
Im Job von der Topverkäuferin zum Trauerklos. Vertragsabschlüsse gingen um 70 % zurück. So verlor ich meinen Job und konnte meine Wohnung nicht mehr bezahlen. Der Mann den ich so liebte, ging mir fremd mit einer Frau die hübsch war und Lebensenergie ausstrahlte und ein wunderschönes Lachen hatte und dann verließ er mich. Mein bester Freund sagte, er kann mit mir nichts mehr anfangen, weil er nicht mehr weiß ob ich jemals gute Laune habe. Ich konnte mir mit niemandem mehr einen Scherz erlauben, weil meine böse Mimik für jeden das Gegenteil sagte.
Und so verlor ich jeden den ich geliebt oder dem ich irgendwann vertraut habe.
Die Ursache für die Lähmung wurde nie gefunden. Seitdem rutsche ich immer tiefer in eine Welt voller Depressionen und weiß nicht wie ich da jemals wieder rauskommen soll.
Freunde und Familie habe ich nicht mehr. Nur meine Mutter hat sich noch nicht von mir abgewandt. Neue Freundschaften zu schließen ist schwer wenn man von jedem als trauriges Wesen gesehen wird und in meinen Beruf kann ich nie wieder zurück. Somit stehe ich also auch noch ohne Ausbildung und Zukunftsperspektive da.
Ich habe schon oft über Selbstmord nachgedacht, aber dann würde ich meine Mutter alleine lassen und das kann ich ihr einfach nicht antun.
Die Ärzte sagen, dass ich mich damit abfinden muss und dass man abgestorbene Nervenbahnen nicht reparieren kann. Aber wie soll das gehen, wenn man alles verloren hat?

Immer wenn's ganz schlimm wird betrinken ich mich um alles zu vergessen und merke wie mich das manchmal sehr aggressiv macht. Ich bin dann zwar alleine und schade mir nur selbst, aber dann denke ich oft an meinen Vater und überlege, ob er vielleicht auch Probleme hatte und deshalb so war. Hat ihm vielleicht auch einfach niemand geholfen?

Das alles zu schreiben, hat einfach Mal gut getan und vielleicht bringt es ja auch jemanden dazu einen Freund NICHT alleine zu lassen.  Denn schlimmer als den Verlust der eigenen Gesundheit ist der Verlust von denen für die man immer da war.

 

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