Forum / Psychologie & Persönlichkeit

Mein Vater hat ein Wutproblem

Letzte Nachricht: 20:36
01.05.21 um 14:36

Hallo miteinander!

Mit diesem Beitrag hoffe ich eventuell ein paar Ideen zu finden, wie ich meinem eventuell helfen kann.
Mein Vater kommt aus einer Familie, die voll von psychischen Problemen steckt, wie Depression, Bulimie und ähnliches. Er ist der Älteste von 4 Geschwistern, die er zum Teil mit großgezogen hat, weil seine Mutter eine der Frauen war, die Kinder nur bekommen hat, um ihren Mann zu behalten, aber nie wirklich selbst welche wollte. 
Worauf ich hinaus will ist, dass mein Papa immer schon ein riesen Paket mit sich rumgeschleppt hat und auch heute noch ziemlich mit sich kämpft.
Eins seiner Hauptprobleme (von außen betrachtet) ist, dass er eine tierische Wut in sich trägt. Eine Wut auf alles und jeden. Eine Wut, die auch oft dazu führt, dass er manchmal ganz schön extreme Aussagen trifft. Grade auch durch die Corona Krise wird diese Wut immer wieder angeheizt. 
Nur er selbst merkt das nicht mal. Für ihn ist das wohl über die Jahre so normal geworden, dass er garnicht mehr weiß, wie es anders geht. 
Ich fühle aber, dass hinter seiner Wut viel mehr steckt, wie Angst, gewisse Kindheitserinnerungen, Hilflosigkeit und ähnliches.
Er geht zwar schon seit Jahren regelmäßig zum Therapeuten/ Psychologen, aber ich habe irgendwie nicht das Gefühl, dass ihm das etwas bringt, bzw. auch nicht das Gefühl, dass sie in die Bereiche vordringen, wo es wichtig wäre.
Er wird zwar langsam ruhiger, aber diese Wut ist immer noch da und ich weiß auch, dass es ihn belastet, ohne dass er das artikulieren könnte.
Wenn ich versuche mit ihm über seine Wut zu reden halte ich das kaum aus, weil ich merke, dass ich mit gewissen Aussagen seine Gefühle massiv verletze oder weil die Wut so intensiv ist, dass es für mich zu viel wird, mir das aufzuladen. 

Hat hier denn irgendwer eine Idee, was ich machen könnte, um ihm zu helfen?
Ich dachte schonmal daran, dass ich bei seinem Therapeuten/Psychologen anrufe und mit dem darüber rede, aber das wäre glaube ich ein zu extremer Eingriff in seine Privatsphäre.

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02.05.21 um 2:46

Da wirst du leider nicht viel tun können. Es ist in der "biologischen Rangfolge" nicht die Aufgabe eines Kindes, für seine Eltern zu sorgen, sondern für seine eigenen Kinder. Die eigenen Kräfte hin in die Richtung des Lebens zu konzentrieren. Wenn du sie auf deine Vorfahren richtest, dann richtest du sie in die Richtung des Todes und diese Kraft fehlt dir dann selbst zum Leben...

Du wirst die seelischen Probleme deines Vaters nicht lösen können. Und schon gar nicht, wenn du es mit Zwang versuchst, zum Beispiel indem du ihn in eine gewisse Therapie drängst. Auch Therapeuten sind in ihren Möglichkeiten sehr begrenzt. Insbesondere dann, wenn die betreffende Person nicht selbst das klare Ziel hat, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und gewisse Themen aufzuarbeiten.

Könnte es sein, dass dein Versuch, deinem Vater zu helfen, ein Verdrängungsmuster von dir selbst ist? In der Regel geht der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, die nicht um Hilfe gebeten haben, darauf zurück, dass man selbst ein Problem mit der Realität oder dem Schicksal dieser Menschen hat... dass man ihr Leid selbst nicht ertragen oder sich davon distanzieren kann. Und dadurch denkt, wenn man der anderen Person helfen würde, wird es einem auch selbst besser gehen. Diese Vorstellung ist aber eine Illussion. Man versucht, einen anderen Menschen zu verändern, um nicht mehr mit dem konfrontiert zu werden, was einen selbst belastet. Und in dem Punkt schließt sich vielleicht auch der Kreis zu deinem Vater: Seine Reaktionen bzw. seine Wut kannst du auch als eine Art Selbstschutz sehen: Er versucht damit, die Dinge von ihm fern zu halten, die ihn veretzen... die ihn in einen handlungsunfähig Zustand versetzen würden. Was auch sein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellen würde: Denn für ihn war es wichtig, immer die Kontrolle zu behalten und handlungsfähig zu beiben, Um seine Geschwister beschützen zu können.

Das vielleicht Beste was du in so einer Situation tun kannst, ist deinen Vater zu achten. Ihn mit seiner Wut und seinem Schmerz und dem schweren Schicksal, das er zu tragen hat, zu achten. Und stattdessen deine Aufmerksamkeit auf dich selbst lenken: Was sind die Themen, mit denen DU nicht umgehen kannst? Die dich an die Grenze deiner Kräfte bringen? Wo liegt dein eigener Schmerz? Welche Dinge hast du in deiner Kindheit vermisst, weil sie dir dein Vater aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht geben konnte? Versuche, mit diesen Dingen Frieden zu schließen und ein selbstbewussterer Mensch zu werden. Nur so kannst du den Teufelskreis durchbrechen: Denn die unverarbeiteten und verdrängten Themen der Eltern vererben sich an ihre Kinder weiter, die dann selbst dadurch in ein belastendes Gefühlsmuster hineinrutschen. Und je mehr du versuchst, diese Dinge auf der Ebene deiner Eltern zu lösen, um so tiefer rutschst du in diese Gefühle und Abhängigkeiten hinein. Wenn du es aber schaffst, nach vorne zu schauen und für dein eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen, dann könnte es sein (ich kann es natürlich nicht versprechen), dass du damit am Ende auch deinem Vater ein Stückchen Gelassenheit zurückgeben. Wenn er irgendwann erkennen kann, dass du für dich selbst gut sorgen und deinen eigenen Weg gehen kannst... dass du vielleicht Dinge geschafft hast, die er nicht schaffen konnte. Und er dich mit einem guten Gefühl loslassen kann.

Vielleicht kann dir der eine oder andere Gedanke aus dieser Nachricht ja ein wenig weiterhelfen. Alles gute!

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14:15
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Da wirst du leider nicht viel tun können. Es ist in der "biologischen Rangfolge" nicht die Aufgabe eines Kindes, für seine Eltern zu sorgen, sondern für seine eigenen Kinder. Die eigenen Kräfte hin in die Richtung des Lebens zu konzentrieren. Wenn du sie auf deine Vorfahren richtest, dann richtest du sie in die Richtung des Todes und diese Kraft fehlt dir dann selbst zum Leben...

Du wirst die seelischen Probleme deines Vaters nicht lösen können. Und schon gar nicht, wenn du es mit Zwang versuchst, zum Beispiel indem du ihn in eine gewisse Therapie drängst. Auch Therapeuten sind in ihren Möglichkeiten sehr begrenzt. Insbesondere dann, wenn die betreffende Person nicht selbst das klare Ziel hat, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und gewisse Themen aufzuarbeiten.

Könnte es sein, dass dein Versuch, deinem Vater zu helfen, ein Verdrängungsmuster von dir selbst ist? In der Regel geht der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, die nicht um Hilfe gebeten haben, darauf zurück, dass man selbst ein Problem mit der Realität oder dem Schicksal dieser Menschen hat... dass man ihr Leid selbst nicht ertragen oder sich davon distanzieren kann. Und dadurch denkt, wenn man der anderen Person helfen würde, wird es einem auch selbst besser gehen. Diese Vorstellung ist aber eine Illussion. Man versucht, einen anderen Menschen zu verändern, um nicht mehr mit dem konfrontiert zu werden, was einen selbst belastet. Und in dem Punkt schließt sich vielleicht auch der Kreis zu deinem Vater: Seine Reaktionen bzw. seine Wut kannst du auch als eine Art Selbstschutz sehen: Er versucht damit, die Dinge von ihm fern zu halten, die ihn veretzen... die ihn in einen handlungsunfähig Zustand versetzen würden. Was auch sein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellen würde: Denn für ihn war es wichtig, immer die Kontrolle zu behalten und handlungsfähig zu beiben, Um seine Geschwister beschützen zu können.

Das vielleicht Beste was du in so einer Situation tun kannst, ist deinen Vater zu achten. Ihn mit seiner Wut und seinem Schmerz und dem schweren Schicksal, das er zu tragen hat, zu achten. Und stattdessen deine Aufmerksamkeit auf dich selbst lenken: Was sind die Themen, mit denen DU nicht umgehen kannst? Die dich an die Grenze deiner Kräfte bringen? Wo liegt dein eigener Schmerz? Welche Dinge hast du in deiner Kindheit vermisst, weil sie dir dein Vater aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht geben konnte? Versuche, mit diesen Dingen Frieden zu schließen und ein selbstbewussterer Mensch zu werden. Nur so kannst du den Teufelskreis durchbrechen: Denn die unverarbeiteten und verdrängten Themen der Eltern vererben sich an ihre Kinder weiter, die dann selbst dadurch in ein belastendes Gefühlsmuster hineinrutschen. Und je mehr du versuchst, diese Dinge auf der Ebene deiner Eltern zu lösen, um so tiefer rutschst du in diese Gefühle und Abhängigkeiten hinein. Wenn du es aber schaffst, nach vorne zu schauen und für dein eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen, dann könnte es sein (ich kann es natürlich nicht versprechen), dass du damit am Ende auch deinem Vater ein Stückchen Gelassenheit zurückgeben. Wenn er irgendwann erkennen kann, dass du für dich selbst gut sorgen und deinen eigenen Weg gehen kannst... dass du vielleicht Dinge geschafft hast, die er nicht schaffen konnte. Und er dich mit einem guten Gefühl loslassen kann.

Vielleicht kann dir der eine oder andere Gedanke aus dieser Nachricht ja ein wenig weiterhelfen. Alles gute!

Hallo!
Vielen dank für deine lange und ausführliche Antwort.
Vieles was du geschrieben hast, habe ich selbst noch garnicht bedacht, vor allem auch den Aspekt, dass ich eventuell bei mir mal auf die Suche gehen sollte, was mich bewegt.
Danke dafür !

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20:36
In Antwort auf

Hallo!
Vielen dank für deine lange und ausführliche Antwort.
Vieles was du geschrieben hast, habe ich selbst noch garnicht bedacht, vor allem auch den Aspekt, dass ich eventuell bei mir mal auf die Suche gehen sollte, was mich bewegt.
Danke dafür !

Gern geschehen... ich drück dir die Daumen, dass du mit der Zeit ein Stück weiter kommst. Das Leben ist nicht immer einfach, aber es formt zumindest den Charakter wenn man lernt, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und sich selbst bewusster wahrzunehmen

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