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Mein Bruder hat mich sexuell missbraucht - unsere Mutter nahm ihn jahrelang in Schutz

4. Oktober 2014 um 23:11

Hallo,

meine Erinnerungen an die 6 Jahre andauernden ständigen Angriffe auf meine Menschenwürde und mein Selbstbestimmungsrecht sind überdeutlich.

Angefangen hat der Missbrauch an Weihnachten 1982 (damals war ich 10 Jahre alt, mein Bruder 13), als unser Vater bereits schwer erkrankt war (er selbst wusste bis zu seinem plötzlichen Tod drei Wochen später nichts davon). Weil unsere Oma mütterlicherseits bei uns zu Besuch war, schlief mein Bruder in meinem Zimmer. Es begann scheinbar "harmlos" mit Anfassen im Intimbereich und küssen. Das sollte unser Geheimnis bleiben. Das dürfte niemand wissen. Dass ich quasi von Geburt an extrem introvertiert und verschlossen war, machte es meinem Bruder mehr als einfach, mir in den folgenden Jahren die Hölle auf Erden zu bereiten... Ich war so verwirrt und schämte mich dermaßen, dass ich es tatsächlich nicht wagte, mich unseren Eltern oder auch der Oma anzuvertrauen.

Kaum war unser Vater gestorben, sagte er wortwörtlich, er wäre jetzt "der Herr im Haus". Nach der Beerdigung war meine Patentante einige Zeit bei uns zu Besuch, um meiner Mutter beizustehen und ihr in den schwersten Stunden zu helfen. Auch ihr konnte ich nichts sagen. Obwohl die Schwägerin meiner Mutter (meine Patentante ist die Ehefrau des ältesten Bruders meiner Mutter) schon sehr früh den wahren Charakter meines Bruders erkannte.

Er hat bereits als relativ kleines Kind angefangen, die Menschen in seiner nächsten Umgebung gegeneinander auszuspielen und zu manipulieren: unsere Eltern gegeneinander, seinen Patenonkel (der älteste Bruder unserer Mutter) gegen dessen Frau, mich gegen unsere Eltern, die Lehrer gegen unsere Eltern etc. Er beklaute unsere Mutter noch zu Lebzeiten unseres Vaters und lässt mich bis heute als die Schuldige dastehen. Für unsere Mutter ist es schlicht bequemer, sich nicht wirklich mit diesem Monstrum auseinander zu setzen, welches sie 1969 auf die Welt brachte. Nur 1 oder 2 Jahre, bevor unser Vater starb, sagte er zu unserer Mutter "... ist meine ... ... Er wusste sehr genau, was dieser Ausdruck bedeutet.

Etwa eineinhalb Jahre nach dem Tod unseres Vaters bedrohte mein Bruder mich mit einer Schusswaffe - erst vor wenigen Jahren erfuhr ich durch unsere Mutter, dass es sich dabei um eine so genannte Luftpistole handelte - und schoss in der nächsten Sekunde auf mein Zwergkaninchen. Dieses hatten mir zwei Schulfreundinnen zum Geburtstag geschenkt. Er hatte mehr Glück als Verstand, dass "Moritz" und ich lediglich einen Riesenschock erlitten, ansonsten aber unversehrt blieben. Auch diesen "Vorfall" behielt ich für mich.

Wenige Monate kaufte unsere Mutter eine Eigentumswohnung und damit begann für mich endgültig die Hölle auf Erden. Auch nachdem unsere zwischenzeitlich zum Pflegefall gewordene Oma mütterlicherseits bei uns lebte (oder sollte ich vielmehr schreiben, vegetierte?), hatte ich in den nächsten 4 Jahren keine ruhige Minute mehr. Mein Bruder nutzte jede noch so kleine Abwesenheit (einkaufen, Elternabend, Theaterbesuch, Gesprächsgruppe für Alleinerziehende) unserer Mutter eiskalt aus, um über mich herzufallen. Er zwang mich zum Oralverkehr. Er drang zwar nie in meine Vagina ein, aber auch der Oralverkehr ist nach meiner eigenen Definition eine Vergewaltigung.

In der Schule hatte ich am traurigen Beispiel eines drogensüchtigen ehemaligen Mitschülers erfahren, dass ich keinem Erwachsenen vertrauen konnte. Uns Kindern/Jugendlichen wurde eine blühende Fantasie unterstellt, als wir die Schulleitung auf die Probleme unseres Freundes aufmerksam machten. Aufgrund meiner ständigen geistigen Abwesenheit galt ich als Störenfried. Ich war mit dem Gedanken überall, nur nicht beim Unterricht. Von den Lehrern/Lehrerinnen kam nie jemand auf die Idee, mal zu fragen, ob bei mir zu Hause eigentlich alles in Ordnung wäre. Warum ich ständig so aggressiv reagierte. Das Vertrauen in die katholische Kirche hatte ich da schon lange verloren. Der einzige Pfarrer, mit dem ich VIELLEICHT hätte sprechen können, starb zu Beginn der 1990er Jahre an Nierenversagen.

Zu meinem Glück las ich mit 16 Jahren das erste Mal über Prostitution. Mein Bruder bot lächerliche 5,00 DM (in Worten: fünf Deutsche Mark) für Sex. Auf dem Kinderstrich hätte ich locker das Hundertfache kassieren könnte... Ab diesem Moment hatte ich zumindest körperlich endlich meine Ruhe. Die Selbstvorwürfe (warum habe ich mich nicht genug gewehrt? Warum habe ich immer nur den Mund gehalten? Warum? Warum? Warum?) sollten allerdings nie aufhören. Und genau das war sein Ziel: mich zu zerstören.

Während dem Missbrauch drohte ich mehrfach, meinen Bruder irgendwann zu töten. Unsere Mutter wunderte sich zwar immer über meinen Hass, nahm diesen aber nicht sonderlich ernst. Ich war ja schließlich noch ein Kind... Ich war nie selbstmordgefährdet und bin es bis heute nicht. Mein Bruder ist derjenige, der im Grunde seit Weihnachten 1982 in ständiger Lebensgefahr schwebt. Und es fehlt nicht mehr viel, dass ich ihm früher oder später tatsächlich den Schädel einschlage.

Mit 18 Jahren rang ich mich schließlich dazu durch, endlich meiner Mutter zumindest oberflächlich von dem Missbrauch zu erzählen. Sie kennt bis heute nicht alle Einzelheiten. Ich habe ihr viele Dinge mit vielen Jahren Abstand anvertraut. Von der Oralvergewaltigung weiß sie dagegen nichts. Lange Zeit wollte ich nichts von einer Therapie wissen. Ich wollte einfach nicht mehr darüber sprechen.

Mittlerweile weiß ich, dass ich sofort Strafanzeige hätte erstatten müssen. Dies hatte meine Mutter immer mit dem Hinweis und auch der Verharmlosung verhindert, mein Bruder sei doch selbst noch ein KIND gewesen. SEIN Leben würde mit einer Anzeige zerstört werden. Ich müsste damit rechnen, dass mir eine Mitschuld an dem Missbrauch gegeben würde. Eben der ganze Schwachsinn, der Opfern so gerne eingeredet wird.

Viele Jahre hielt ich selbst die Fassade der "heilen Familie" aufrecht. Anstelle meines eigenen Seelenfriedens war mir der ganz schlicht verlogene "Familienfriede" wichtiger. Bloß nicht an den Grundfesten rütteln. Ich war sogar bei seiner Hochzeit im Februar 2010. Wenn ich an diesen verlogenen kirchlichen Scheiß denke, der damals veranstaltet wurde, wird mir immer noch schlecht. Wie gerne hätte ich seiner Frau und seinen so genannten "Freunden" die Wahrheit um die Ohren gehauen...

2 Therapien (die letzte im Rahmen mit einer 6-wöchigen Kur von Ende Dezember 2011 bis Anfang Februar 2012) und 1 "Citalopram"-Behandlung von gut 6 Monaten später, weiß ich, dass einzig und allein ich selbst wichtig bin. Dass mein Bruder auch nach 30 Jahren lediglich nach Jugendstrafrecht verurteilt würde, ist mir offen gestanden scheißegal. Er wusste von Beginn an, WAS er mir antat und DASS sexueller Missbrauch schlicht und ergreifend eine Straftat IST.

Ja, ich bin unglaublich wütend. Ich will um mich schlagen. Ich will Vergeltung. Ich will schlicht und einfach die nichtsnutzige, beschissene Existenz meines Bruders zerstören. Dieser Mensch hat seit seiner Geburt nichts, aber auch gar nichts Gutes bewirkt. Es tut einfach unglaublich weh, dass meine Mutter dieses widerwärtige fette ... nach wie vor als ihr "Kind" bezeichnet. Sie weiß seit seiner frühesten Kindheit, wozu mein Bruder fähig ist. Nein, ich akzeptiere nicht länger, dass sie ihn ihren "Sohn" nennt. Ein Mensch, der ganz bewusst und zielgerichtet das Leben seiner kleinen Schwester zerstört, ist niemandes Kind.

Ich hatte in meinem ganzen Leben nur 2 ernsthafte Beziehungen. Allerdings war mein Vertrauen in meine jeweiligen Partner so dermaßen gering, dass beide bereits nach jeweils ca. 6 Monaten zerbrachen. Seit 1999 bin ich eher mehr als weniger freiwillig Single. Hat den Vorteil, dass ich niemanden verletze und selbst auch nicht verletzt werden kann. Es gibt durchaus Momente, in denen ich mir wieder einen liebevollen Partner wünsche. Aber gleichzeitig ist meine Angst, einfach nicht beziehungsfähig zu sein, es einfach nicht wert bin, geliebt zu werden, zu groß. Ich schaffe es einfach nicht, auf andere Menschen zuzugehen. Nähe zuzulassen. Zärtliche Berührungen sind für mich etwas völlig fremdes. Auch die sexuelle Ebene existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich kann mir einfach nicht mehr vorstellen, jemals wieder mit einem Mann zu schlafen. Auch die Vorstellung, mich auf eine Frau einzulassen, lässt mich kalt.

Gleichzeitig bin ich - mittlerweile 42 Jahre alt - eitel (seit einigen Monaten verändere ich nach und nach meinen Mode- und Frisurenstil), flirte unverbindlich. Aber echte Bindungen will ich einfach nicht eingehen. Einzig mit meiner mittlerweile 8-jährigen Katze "Laura" verbindet mich ein bedingungsloses Vertrauensverhältnis.

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7. Oktober 2014 um 12:37

Danke
Ja, ich weiß. Meine Mutter ist schlicht überfordert mit der ganzen Situation. Sie hat mir mal vor vielen Jahren "versprochen", eine so genannte Familientherapie in Angriff zu nehmen. Aber daraus wurde nichts. Mein Bruder zieht es Zeit seines Lebens vor, wegzulaufen und sich nicht mit sich selbst auseinander zu setzen. Warum sollte er sich also dann mit mir auseinander setzten? Und sie hat es vorgezogen, mich mit meiner Verzweiflung allein zu lassen. Sie hat nie darauf bestanden, dass ich dann eben selbst in eine Therapie gehen sollte. Dass ich mit psychologischer Hilfe einen ganz eigenen Weg finden sollte. Sie hat sich (und klammert sich immer noch) an die völlig hirnrissige Vorstellung geklammert, mein Bruder und ich könnten irgendwann mal wieder zumindest "ganz normal" miteinander umgehen. Ich könnte ihm irgendwann mal "verzeihen". Ihr größter Wunsch war viele Jahre ein gemeinsames Foto. Diese Zähne habe ich ihr allerdings ziemlich schmerzhaft gezogen. Mittlerweile hat sie eingesehen, dass ich dazu einfach nicht bereit bin und nicht bereit sein will.

Eine wirkliche Traumatherapie habe ich nie gemacht, nein. Aufgrund eines sehr negativen Psychotherapeutenerlebnisses als kleines Mädchen hatte ich jegliches Vertrauen in diese Ärzteschaft verloren: Ich war extrem hyperaktiv, konnte bis ins Grundschulalter selten eine Mahlzeit vollständig im Magen behalten und machte mir lange Zeit mehrmals täglich in die Hose (erst als ich schon in der weiterführenden Schule war, kam meine Mutter auf die Idee, mal nach einer körperlichen Ursache suchen zu lassen - meine Harnblase ist schlicht zu klein, so dass ich öfter als andere Menschen auf die Toilette muss). Anstatt mit einfühlsamen Fragen und Einbeziehung meiner Eltern in die "Behandlung" schlug mir die Therapeutin mit dem ausdrücklichen Einverständnis meines Vaters meine nassen Unterhosen ins Gesicht... Tja, kein Wunder, dass ich danach lange Zeit nichts mehr von einer Gesprächstherapie wissen wollte. Viele Jahre später, als ich gerade anfing, beruflich Fuß zu fassen, kam meine Mutter auf die "glorreiche" Idee, ausgerechnet meinem damaligen Chef von dem sexuellen Missbrauch zu erzählen. Dieser ... hatte natürlich nichts besseres zu tun, als das im Kollegenkreis rauszuposaunen. Wie ich mich fühlte, muss ich wohl nicht weiter beschreiben. Jedenfalls hatte mein Vertrauen in die Menschheit einen weiteren Schlag in die Magengrube erhalten. Und dieser Chef machte zur Bedingung für eine Weiterbeschäftigung, dass ich gefälligst eine Therapie machen sollte. Als ob das so einfach wäre... Und nicht nur damit gab er sich zufrieden, als ich mir tatsächlich Hals über Kopf einen Therapeuten suchte, der mit dem Thema "sexueller Missbrauch" völlig überfordert war (ich wollte ja einfach nur den gestellten Anforderungen gerecht werden, wie so oft in meinem Leben). Nein, er ließ von der Prokuristin sogar in der Praxis anrufen, ob ich denn auch tatsächlich 1x wöchentlich zu den Sitzungen ginge... Damit war dieses Thema für sehr lange Zeit abgeschlossen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es so lange (ganz genau waren es 2,5 Jahre) in dieser Firma ausgehalten habe. Aber ich habe durchgehalten. Den Vertrauensbruch meiner Mutter und meines Chefs habe ich beiden nie verziehen. Sie haben mich beide der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und was ich meiner Mutter obendrein nicht verzeihen kann und will, ist die Tatsache, dass sie sich seit meiner frühesten Kindheit permanent in meine Angelegenheiten einmischt. Sie hat schon immer meine Sachen durchwühlt, in Briefen gelesen. Das hat letztlich dazu geführt, dass ich den sexuellen Missbrauch auch nie in einem Tagebuch zumindest versuchte, zu verarbeiten. Stattdessen habe ich schon sehr früh angefangen, alles in mir selbst einzuschließen. Ich hatte schon von klein auf sehr schmerzhaft gelernt, dass ich keinem Erwachsenen vertrauen konnte. Dass meine Mutter alles, aber wirklich alles, was ihr erzählte, was sie von mir/über mich in die Finger bekam, weitertratschen musste. Hat sich übrigens bis heute nicht geändert. Und hat letztlich so weit geführt, dass ich ihr mittlerweile so gut wie gar nichts mehr erzähle. Einfach aus Selbstschutz.

Meine Wut, meinen Hass versuche ich gerade dahingehend zu kanalisieren, dass ich angefangen habe, mein ganzes bisheriges Leben aufzuschreiben. Dieses Aufschreiben beinhaltet auch das Versagen meiner Eltern uns Kindern gegenüber.

Wofür ich meiner Mutter allerdings sehr dankbar bin, ist, dass sie sich im Herbst 2011 bei meiner damaligen Chefin dafür einsetzte, dass ich eine Kur machen konnte. Der Antrag bei der Rentenversicherung lautete zwar auf "Burnout", aber in Wahrheit drehte sich alles um den Missbrauch. Den machte ich auch gleich zu Beginn der Kur zu meinem Thema. Die dortigen Ärzte (ich war übrigens in Bad Steben) waren mit dem Thema zwar auch nicht wirklich vertraut, aber sie zeigten mir trotzdem Wege, wie ich zumindest wieder an kleinen Dingen Freude haben konnte. Und sei es nur ein Kaffee gewesen. Oder die wirklich leckeren Windbeutel Insgesamt hat die Kur 6 Wochen bis Anfang Februar 2012 gedauert. Davon habe ich gut 4 Wochen gebraucht, bis ich auch gegenüber meiner Bezugsgruppe von dem Missbrauch erzählen konnte. Bis dahin hatte ich nämlich den Eindruck vermittelt, ich sei eine arrogante blöde Kuh Bin ich aber gar nicht. Ich verfolgte einfach weiter meine Überlebensstrategie, bloß nichts an mich heran zu lassen. Schlussendlich hat mir auch die Malerei in der Ergotherapie sehr geholfen. Und das mache ich bis heute. Nach der Kur entdeckte meine Mutter einen ganz kleinen Artikel über ein "Atelier für Ausdrucksmalerei". Da war ich dann gut ein dreiviertel Jahr in einer Art Selbsthilfegruppe. Jeder der dort Malenden hatte und hat sein ganz eigenes Päckchen zu tragen. Was genau die Einzelnen belastet, wurde nie besprochen. Was mir auch ganz recht war. Die Malereigruppe habe ich dann wieder verlassen, weil auch die finanzielle Belastung für mich einfach nicht mehr tragbar war. Im Juli 2012 hatte ich meinen ungeliebten Job aufgegeben und musste mit dem Arbeitslosengeld auskommen. Die Nutzung des Ateliers hat mich jede Woche 20 Euro für 2 Stunden gekostet. War also nicht mehr machbar. Also verlegte ich die Malerei wieder zu mir nach Hause: Keilrahmen gibt es z. B. bei "Nanu Nana" für ganz wenig Geld, die Acrylfarben und Pinsel kosten auch nicht allzu viel. Und dann ging's los. Im Moment mache ich eine kreative Pause. Aber ich habe einige Ideen, die ich sehr gerne umsetzen möchte.

Was Beziehungen betrifft, so hoffe ich, dass sich meine Einstellung vielleicht doch noch einmal ändert. Aber wenn nicht, dann ist es auch ok. Ich lasse mir nichts mehr einreden von wegen, ich sei ja nicht normal. Ich bin völlig normal. Ich bin völlig ok, so wie ich bin.

"Laura" ist einfach mein größter Schatz

Liebe Grüße
Sabine

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8. Oktober 2014 um 14:32
In Antwort auf anonyma4726

Danke
Ja, ich weiß. Meine Mutter ist schlicht überfordert mit der ganzen Situation. Sie hat mir mal vor vielen Jahren "versprochen", eine so genannte Familientherapie in Angriff zu nehmen. Aber daraus wurde nichts. Mein Bruder zieht es Zeit seines Lebens vor, wegzulaufen und sich nicht mit sich selbst auseinander zu setzen. Warum sollte er sich also dann mit mir auseinander setzten? Und sie hat es vorgezogen, mich mit meiner Verzweiflung allein zu lassen. Sie hat nie darauf bestanden, dass ich dann eben selbst in eine Therapie gehen sollte. Dass ich mit psychologischer Hilfe einen ganz eigenen Weg finden sollte. Sie hat sich (und klammert sich immer noch) an die völlig hirnrissige Vorstellung geklammert, mein Bruder und ich könnten irgendwann mal wieder zumindest "ganz normal" miteinander umgehen. Ich könnte ihm irgendwann mal "verzeihen". Ihr größter Wunsch war viele Jahre ein gemeinsames Foto. Diese Zähne habe ich ihr allerdings ziemlich schmerzhaft gezogen. Mittlerweile hat sie eingesehen, dass ich dazu einfach nicht bereit bin und nicht bereit sein will.

Eine wirkliche Traumatherapie habe ich nie gemacht, nein. Aufgrund eines sehr negativen Psychotherapeutenerlebnisses als kleines Mädchen hatte ich jegliches Vertrauen in diese Ärzteschaft verloren: Ich war extrem hyperaktiv, konnte bis ins Grundschulalter selten eine Mahlzeit vollständig im Magen behalten und machte mir lange Zeit mehrmals täglich in die Hose (erst als ich schon in der weiterführenden Schule war, kam meine Mutter auf die Idee, mal nach einer körperlichen Ursache suchen zu lassen - meine Harnblase ist schlicht zu klein, so dass ich öfter als andere Menschen auf die Toilette muss). Anstatt mit einfühlsamen Fragen und Einbeziehung meiner Eltern in die "Behandlung" schlug mir die Therapeutin mit dem ausdrücklichen Einverständnis meines Vaters meine nassen Unterhosen ins Gesicht... Tja, kein Wunder, dass ich danach lange Zeit nichts mehr von einer Gesprächstherapie wissen wollte. Viele Jahre später, als ich gerade anfing, beruflich Fuß zu fassen, kam meine Mutter auf die "glorreiche" Idee, ausgerechnet meinem damaligen Chef von dem sexuellen Missbrauch zu erzählen. Dieser ... hatte natürlich nichts besseres zu tun, als das im Kollegenkreis rauszuposaunen. Wie ich mich fühlte, muss ich wohl nicht weiter beschreiben. Jedenfalls hatte mein Vertrauen in die Menschheit einen weiteren Schlag in die Magengrube erhalten. Und dieser Chef machte zur Bedingung für eine Weiterbeschäftigung, dass ich gefälligst eine Therapie machen sollte. Als ob das so einfach wäre... Und nicht nur damit gab er sich zufrieden, als ich mir tatsächlich Hals über Kopf einen Therapeuten suchte, der mit dem Thema "sexueller Missbrauch" völlig überfordert war (ich wollte ja einfach nur den gestellten Anforderungen gerecht werden, wie so oft in meinem Leben). Nein, er ließ von der Prokuristin sogar in der Praxis anrufen, ob ich denn auch tatsächlich 1x wöchentlich zu den Sitzungen ginge... Damit war dieses Thema für sehr lange Zeit abgeschlossen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es so lange (ganz genau waren es 2,5 Jahre) in dieser Firma ausgehalten habe. Aber ich habe durchgehalten. Den Vertrauensbruch meiner Mutter und meines Chefs habe ich beiden nie verziehen. Sie haben mich beide der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und was ich meiner Mutter obendrein nicht verzeihen kann und will, ist die Tatsache, dass sie sich seit meiner frühesten Kindheit permanent in meine Angelegenheiten einmischt. Sie hat schon immer meine Sachen durchwühlt, in Briefen gelesen. Das hat letztlich dazu geführt, dass ich den sexuellen Missbrauch auch nie in einem Tagebuch zumindest versuchte, zu verarbeiten. Stattdessen habe ich schon sehr früh angefangen, alles in mir selbst einzuschließen. Ich hatte schon von klein auf sehr schmerzhaft gelernt, dass ich keinem Erwachsenen vertrauen konnte. Dass meine Mutter alles, aber wirklich alles, was ihr erzählte, was sie von mir/über mich in die Finger bekam, weitertratschen musste. Hat sich übrigens bis heute nicht geändert. Und hat letztlich so weit geführt, dass ich ihr mittlerweile so gut wie gar nichts mehr erzähle. Einfach aus Selbstschutz.

Meine Wut, meinen Hass versuche ich gerade dahingehend zu kanalisieren, dass ich angefangen habe, mein ganzes bisheriges Leben aufzuschreiben. Dieses Aufschreiben beinhaltet auch das Versagen meiner Eltern uns Kindern gegenüber.

Wofür ich meiner Mutter allerdings sehr dankbar bin, ist, dass sie sich im Herbst 2011 bei meiner damaligen Chefin dafür einsetzte, dass ich eine Kur machen konnte. Der Antrag bei der Rentenversicherung lautete zwar auf "Burnout", aber in Wahrheit drehte sich alles um den Missbrauch. Den machte ich auch gleich zu Beginn der Kur zu meinem Thema. Die dortigen Ärzte (ich war übrigens in Bad Steben) waren mit dem Thema zwar auch nicht wirklich vertraut, aber sie zeigten mir trotzdem Wege, wie ich zumindest wieder an kleinen Dingen Freude haben konnte. Und sei es nur ein Kaffee gewesen. Oder die wirklich leckeren Windbeutel Insgesamt hat die Kur 6 Wochen bis Anfang Februar 2012 gedauert. Davon habe ich gut 4 Wochen gebraucht, bis ich auch gegenüber meiner Bezugsgruppe von dem Missbrauch erzählen konnte. Bis dahin hatte ich nämlich den Eindruck vermittelt, ich sei eine arrogante blöde Kuh Bin ich aber gar nicht. Ich verfolgte einfach weiter meine Überlebensstrategie, bloß nichts an mich heran zu lassen. Schlussendlich hat mir auch die Malerei in der Ergotherapie sehr geholfen. Und das mache ich bis heute. Nach der Kur entdeckte meine Mutter einen ganz kleinen Artikel über ein "Atelier für Ausdrucksmalerei". Da war ich dann gut ein dreiviertel Jahr in einer Art Selbsthilfegruppe. Jeder der dort Malenden hatte und hat sein ganz eigenes Päckchen zu tragen. Was genau die Einzelnen belastet, wurde nie besprochen. Was mir auch ganz recht war. Die Malereigruppe habe ich dann wieder verlassen, weil auch die finanzielle Belastung für mich einfach nicht mehr tragbar war. Im Juli 2012 hatte ich meinen ungeliebten Job aufgegeben und musste mit dem Arbeitslosengeld auskommen. Die Nutzung des Ateliers hat mich jede Woche 20 Euro für 2 Stunden gekostet. War also nicht mehr machbar. Also verlegte ich die Malerei wieder zu mir nach Hause: Keilrahmen gibt es z. B. bei "Nanu Nana" für ganz wenig Geld, die Acrylfarben und Pinsel kosten auch nicht allzu viel. Und dann ging's los. Im Moment mache ich eine kreative Pause. Aber ich habe einige Ideen, die ich sehr gerne umsetzen möchte.

Was Beziehungen betrifft, so hoffe ich, dass sich meine Einstellung vielleicht doch noch einmal ändert. Aber wenn nicht, dann ist es auch ok. Ich lasse mir nichts mehr einreden von wegen, ich sei ja nicht normal. Ich bin völlig normal. Ich bin völlig ok, so wie ich bin.

"Laura" ist einfach mein größter Schatz

Liebe Grüße
Sabine

Re
hast du mal überlegt ganz woanders neuanzufangen, vieleicht kannst du dann diesen ganzen schmerz und die wut hinter dir lassen, ich habe das gefühl das du solange du noch irgendwie kontakt mit deinem umfeld hast du vieleicht nie zur ruhe kommst...

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8. Oktober 2014 um 15:05
In Antwort auf pirkko_12249891

Re
hast du mal überlegt ganz woanders neuanzufangen, vieleicht kannst du dann diesen ganzen schmerz und die wut hinter dir lassen, ich habe das gefühl das du solange du noch irgendwie kontakt mit deinem umfeld hast du vieleicht nie zur ruhe kommst...

Du hast recht
Darum bin ich auch sehr intensiv mit der Suche nach einer neuen Wohnung in der Nähe meines Arbeitsplatzes beschäftigt.

Ich hab mir letztes Jahr ganz bewusst einen neuen Job in einer 40 km entfernten Stadt gesucht. Einfach, um endlich einen Neuanfang zu machen. Erstaunlicherweise unterstützt mich meine Mutter sogar dabei. Sie hat durchaus begriffen, dass es sonst zu einer Katastrophe kommt.

Ich hab gestern meiner Vermieterin gesagt, dass ich in absehbarer umziehen werde. Ich hoffe so sehr, dass das so schnell wie nur irgend möglich klappt.

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8. Oktober 2014 um 16:45
In Antwort auf anonyma4726

Du hast recht
Darum bin ich auch sehr intensiv mit der Suche nach einer neuen Wohnung in der Nähe meines Arbeitsplatzes beschäftigt.

Ich hab mir letztes Jahr ganz bewusst einen neuen Job in einer 40 km entfernten Stadt gesucht. Einfach, um endlich einen Neuanfang zu machen. Erstaunlicherweise unterstützt mich meine Mutter sogar dabei. Sie hat durchaus begriffen, dass es sonst zu einer Katastrophe kommt.

Ich hab gestern meiner Vermieterin gesagt, dass ich in absehbarer umziehen werde. Ich hoffe so sehr, dass das so schnell wie nur irgend möglich klappt.

Ich wünsche dir alles gute
wenn man so oft entteuscht und das vertrauen gebrochen wurde ist es bestimmt nicht ganz einfach einen weg zurück zu finden, du scheinst aber ein sehr starker mensch im inneren zu sein und ich traue dir zu mit viel ruhe und genügend zeit deine inneren dämonen abzuschütteln und das leben zu führen das du verdienst.

viele liebe grüsse Frank

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8. Oktober 2014 um 17:48
In Antwort auf pirkko_12249891

Ich wünsche dir alles gute
wenn man so oft entteuscht und das vertrauen gebrochen wurde ist es bestimmt nicht ganz einfach einen weg zurück zu finden, du scheinst aber ein sehr starker mensch im inneren zu sein und ich traue dir zu mit viel ruhe und genügend zeit deine inneren dämonen abzuschütteln und das leben zu führen das du verdienst.

viele liebe grüsse Frank

Danke
Als ich mit 22Jahren in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, habe ich meiner Mutter im Beisein meiner damaligen Vermieterin gesagt, dass ich nicht mehr zurückkommen würde. Das hab ich bis heute konsequent durchgehalten. Und sobald ich in der neuen Stadt lebe, bin ich nur noch Besucherin in der alten Heimat. Dann gibt es kein Zurück mehr...

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9. Oktober 2014 um 13:03
In Antwort auf anonyma4726

Danke
Als ich mit 22Jahren in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, habe ich meiner Mutter im Beisein meiner damaligen Vermieterin gesagt, dass ich nicht mehr zurückkommen würde. Das hab ich bis heute konsequent durchgehalten. Und sobald ich in der neuen Stadt lebe, bin ich nur noch Besucherin in der alten Heimat. Dann gibt es kein Zurück mehr...

Hilfe gesucht
So, vorhin hab ich mit der Traumaambulanz einer großen Uniklinik telefoniert. Den Tip hatte mir das Deutsche Opfertelefon gegeben.

Jetzt muss ich erst mal abwarten, bis ich einen Termin für ein Erstgespräch bekomme. Ich hoffe, dass das nicht allzu lange dauert.

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12. Oktober 2014 um 10:42

Danke
Ja, vor allem möchte ich tatsächlich wissen, warum mein Bruder seinen ganzen Hass auf die Familie, auf mich und in erster Linie auf sich selbst an mir ausgelassen hat.

Aber auf eine Antwort werde ich wohl bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten müssen. Soll heißen, dass ich bis an mein Lebensende keine Antwort bekommen werde.

Jetzt konzentriere ich mich nur noch auf mich selbst. Mit etwas Glück lebe ich ab Dezember in Frankfurt. Ich brauche diesen gut 40 km weiten Abstand, um endlich ganz neu anfangen zu können. Hier kann ich mich ganz auf eine neue Therapie einlassen. Ich hab selbst den Eindruck, dass ich wieder professionelle Hilfe brauche.

Außerdem muss ich auch Abstand zu meiner Mutter haben. So sehr ich die Frau auch liebe, aber mit ihrer ständigen Einmischung und dem Gequatsche über meine privatesten Angelegenheiten komme ich einfach nicht zur Ruhe. Damit ist mir nicht geholfen. Ich brauche schlicht praktische Hilfe. Und ja, die Reflexion der Vergangenheit ist aktuell genau richtig. Ich habe über 30 Jahre so viel verdrängt und so lange geschwiegen. Ich will das nicht mehr. Ich will endlich ganz normal leben. Und ja, auch den Wunsch nach einer liebevollen Beziehung mit einem Mann habe ich nicht gänzlich aufgegeben.

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2. November 2014 um 20:05
In Antwort auf anonyma4726

Hilfe gesucht
So, vorhin hab ich mit der Traumaambulanz einer großen Uniklinik telefoniert. Den Tip hatte mir das Deutsche Opfertelefon gegeben.

Jetzt muss ich erst mal abwarten, bis ich einen Termin für ein Erstgespräch bekomme. Ich hoffe, dass das nicht allzu lange dauert.

Ab Februar beginnt ein neuer Lebensabschnitt
So, gestern wurde ich mit einer Kollegin einig, dass ich ab Februar ihre Wohnung übernehme. Damit gewinne ich endlich die dringend notwendige Distanz und kann mich ganz auf mich selbst konzentrieren. Morgen Abend habe ich ein Erstgespräch in der Traumapsychologischen Ambulanz der Goethe-Uni Frankfurt.

Ich fühle eine deutliche Erleichterung, dass ich nun endlich ein wirklich neues Leben beginnen kann.

Meine Mutter sagte mir gestern ganz deutlich, dass ich mittlerweile nicht mehr nur von Wiesbaden verabschiedet habe, sondern auch von ihr. Deutliche Worte. Aber endlich spricht sie seit vielen Jahren mal die Wahrheit aus. Ja, mit meinem Umzug wird sich die Zusammengehörigkeit zwischen uns deutlich verändern.

Ich freu mich drauf!

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