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Man sollte nie die Macht der Verdrängung unterschätzen.

8. März 2012 um 19:51 Letzte Antwort: 3. Mai 2012 um 21:57

Ich habe lange überlegt und habe beschlossen zumindest ein Mal in meinem Leben zu erzählen wie mein Leben tatsächlich war....

Ich kann mich nicht beschweren. Ich ging auf die beste Schule, schöne Kleider und tolle Spielzeuge. Mein Vater wurde arbeitslos als ich 3 war und verbrachte viel Zeit zuhause. Meine Mutter arbeitete zwischendurch.
Alles begann damit, dass mein Vater mich zu sich setzte um sich, wie ich heute weiß, Pornografie anzusehen. Ich war klein und hatte keine ahnung was diese nackten Menschen machten (woher auch). Sowas wie Sexualität war mir garnicht bewusst. Er ging weiter und begann mich an stellen zu berühren, die mir aber unbehaglich waren und zwang mich zu dingen die ich zwar nicht verstand, aber von denen ich wusste, dass ich das nicht wollte. Er drohte mir, dass er mich fortschicke, wenn ich meiner Mutter etwas davon sage. Ewig diese Blicke und Bemerkungen, wenn ich meine Kleidchen an hatte, die meine Mutter so liebte.
Ich lernte Kleider und Weiblichkeit jedoch zu hassen und verweigerte es meinem Vater mir einen Kuss zu geben (meine Mutte hat mein Verhalten nie verstanden). Das hat mich bis zu seinem Tod angewidert...

Ich wurde älter und mein Vater agressiver. Er begann meine Mutter, meinen älteren Bruder und mich zu schlagen, wenn er mal betrunken war oder einfach nur um sich zu schreien. Meine Mutter wusste nur, dass mein Vater meinen Bruder wie den letzten Dreck behandelte und widmete ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, während ich von meinem Vater umgarnt wurde, obwohl ich das nicht wollte, weil ich wusste wieso und es nicht sagen konnte... Ich fühlte mich dem bösen ausgeliefert... Ich wurde nur von meiner Mutter geschützt, wenn sie merkte, dass mein Vater mit seiner Wut übertrieb und ich sie mit Absicht auf mich lenkte, um meinen Bruder zu schützen (er hat viel ärger gemacht -.-).

Mit 12 Jahren merkte ich Morgens, dass ich ohne Hose aufwachte. Ich hatte damals einen sehr tiefen Schlaf, doch bei mir klingelten bereits die Alarmglocken. Traurigerweise stellte ich schnell fest, dass mein Bruder anfing sich nachts nackt in mein Bett zu legen und mir während seiner Berührungen drohte, dass er mir alles nimmt was ich liebe, wenn ich etwas Mama sage. Ich hatte angst und doch wehrte ich mich. Doch seine Antwort war gewallt. Er drohte mich tatsächlich zu vergewaltigen wenn ich mich noch mehr wehrte. Irgendwann hat er es dann doch getan...

Ich weiß heutzutage, dass er damals unter starken Drogenproblemen litt und selbst das keine Entschuldigung für sein Verhalten ist. Ich leide seit dem unter Schlafstörungen, Depressionen und Ängsten allein gelassen zu werden. Ich tuh mich auch sehr schwer Menschen zu vertrauen.

Als ich 16 Jahre alt war hatte es mir gereicht... als mein Vater eines seiner Ausraster dafür nutzte meinen Bruder (Mann vs Mann) verprügeln zu wollen stellte ich mich dazwischen und schrie aus aller seele, dass ich es nicht zulasse, dass ich hilflos bin und nichts mache. Ich weiß heute, dass ich damit weniger meinen Bruder als meine Mutter vor diesen Anblick schützen wollte. Sie lies sich darauf von ihm scheiden. Meine Mutter war zwar immer sehr forsch und oft auch ungerecht zu mir, doch sie war die einzige in meinem Leben, von der ich wusste, dass sie mir nichts böses wollte.

Mit der Scheidung war für mich die Vergangenheit abgehakt. Und ich wollte von vorn beginnen. Ich verdrängte sie einfach und hatte somit die Kraft zu verzeihen. Ich verstand mich mit meinem Bruder und meinem Vater gleich gut. Und wir wuchsen näher zusammen als mein Vater nach langem Leidensweg und elender Erkrankung seinen Tod fand (RIP).

Verurteilt mich nicht für mein Verhalten, denn ich verstehe es manchmal selbst nicht, doch mit meinen 22 Jahren bin ich zu müde weiter zu kämpfen. Zumal mir vor 4 Jahren ein Hirntumor und evtl. Unfruchtbarkeit festgestellt wurde...

Ich frag mich oft womit ich diese Erlebnisse verdient habe und weiß dann doch keine Antwort. Der einzige Mann der mein Vertrauen auf anhieb gewann ist mein jetziger Freund, der mir nach einem Tief wieder das "Vertrauen" lehrte.

Verzeiht die Länge des Artikels, doch das musste raus....

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9. März 2012 um 6:22

Es ist schlimm
was Du alles erleben musstest und nun auch medizinisch gesehen. Ich finde es aber sehr bemerkenswert wie Du damit umgehen kannst, ja ich bewundere Dich dafür.
Verdient hast Du es sicher nicht, das hat niemand, ich fragte mich auch oft, warum ich? Aber das Leben ist wie es ist.

lg

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9. März 2012 um 8:59

Mut
Du hast mut bewiesen bei mir ist das 13 Jahre her ich habe es 12 1/2 Jahre verdrängt es kam immer zwischendurch hoch bin seit ca 5 wochen in eine therapie

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15. März 2012 um 12:03

Danke
Ich freue mich derartig über eure Kommentare, dass es mich fast zu Tränen rührt. Es ist schön das Gefühl zu haben, dass man gehört wird

Ich versuche mich auch immer auf meine Stärke zu besinnen, wenn sie mich doch mal verlässt. Ich habe zum erstem Mal in meinem Leben Zeit meine 22 Jahre revue zu passieren und Dinge zu verarbeit, was mich ein wenig überfordert ^^' Die ganzen Erlebnisse haben dazu geführt, dass ich wie aufgebracht und antriebslos wurde. Das ging so weit, dass ich mein Studiem im letzten Semester abbrechen musste und mir zum ersten Mal Zeit für mich nehme.

Mir wird klar, dass ich viel zu sehr in meiner Vergangenheit lebe und auf der Suche nach den wenigen glücklichen Momenten bin und somit mit Scheiklappen durch die Gegenwart laufe. Das wird wohl den meisten hier genauso passieren. Nun muss man nur lernen aktiv zu leben und die vergangeheit ruhen zu lassen =)

Nochmals, Danke!

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15. März 2012 um 13:25

...
Hast du an eine therapie schon mal gedacht?

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30. März 2012 um 22:29
In Antwort auf sunny19876

...
Hast du an eine therapie schon mal gedacht?

Trauma hat eine "Halbwertszeit"
Du hast wirklich Schreckliches erlebt! Es macht mich traurig,d das zu hören.

Und ich freue mich sehr, dass du einen Menschen gefunden hast, dem du wirklich vertrauen kannst. Das ist wirklich schön.

Trotzdem rate ich dir dringend zu ner Therapie. Denn nach meiner Erfahrung und der vieler anderer Traumatisierter hat verdrängtes Trauma eine Art, dich nach ner Weile sozusagen "durch die Hintertür" einzuholen, wenn du es nicht durch die Vordertür reinlässt.

Das heißt, die verdrängten Gefühle kommen entweder irgendwann hoch (meistens so um die 30 Jahre) und man steht vor einem emotionalen Abgrund und weißt nicht warum, weil scheinbar kein aktuelles Ereignis ihn ausgelöst hat. Folglich weißt man auch nicht wie man mit den heftigen Emotionen (zb tiefe Depression, Zorn, Wut) umgehen soll. Es ging mir so und einigen in meinem Freundeskreis und Familie. Oder man schafft es, wie wiederum andere in meinem Freundeskreis, die Gefühle die hochkommen mittels Substanzen (Alkohol, Drogen) unten zu halten, was einen selbst, sein Leben und alle sozialen Bindungen irgendwann zerstört und ebenfalls ein Leidensweg ist.

Lieber die Emotionen kontrolliert durch die Vordertür einlassen. D.h. sich einen guten und kompetenten Therapeut suchen und es angehen. Das ist jedenfalls mein Tipp!

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16. April 2012 um 15:43

Therapie
Ich habe bisher noch keine Therapie gemacht...Ich fürchte mich auch ein wenig davor das alles nochmal aufkommen zu lassen...Außerdem, weiß ich nicht, wie ich meine Mutter damit umgehen könnte -.- Sie weiß das alles nicht, ich will ihr Bild über meinen Bruder nicht zerstören.

Ich glaube ich muss ersteinmaln genug Mut sammeln, um mich mit meiner Vergangenheit zu konfrontieren...Ich habe auch erst überhaupt damit begonnen mein Leben aufzuräumen.

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21. April 2012 um 23:30
In Antwort auf inger_12735615

Therapie
Ich habe bisher noch keine Therapie gemacht...Ich fürchte mich auch ein wenig davor das alles nochmal aufkommen zu lassen...Außerdem, weiß ich nicht, wie ich meine Mutter damit umgehen könnte -.- Sie weiß das alles nicht, ich will ihr Bild über meinen Bruder nicht zerstören.

Ich glaube ich muss ersteinmaln genug Mut sammeln, um mich mit meiner Vergangenheit zu konfrontieren...Ich habe auch erst überhaupt damit begonnen mein Leben aufzuräumen.

Nun...
Du musst erstmal selbst damit umgehen. Wie du dann deiner Mutter gegenüber auftrittst ist doch eine andere Sache. Das kannst du dann noch mit deinem Therapeuten erarbeiten. Eine Therapie zu beginnen hat doch nicht zwangsläufig die Bedeutung, dass du das auch mit deinen Famlienangehörigen besprechen musst. Das kannst du ganz separat davon entscheiden. Die Therapie kannst du auch völlig unabhängig von deiner Familie für dich ganz allein machen und die Grundsätze wie du mit deiner Familie dann umgehen willst mit deinem Therapeut/in bearbeiten.

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23. April 2012 um 11:27

Hmm
Und wie kommt man zu so einer Therapie?

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23. April 2012 um 11:51

.....
ein therapieplatz musst du suchen.
Im Internet suchen bei der Krankenkasse fragen freunde nachfragen wenn du in einer Phychatrie warst bekommst du das adressen mehr kann ich dir nicht sagen

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3. Mai 2012 um 21:55
In Antwort auf inger_12735615

Hmm
Und wie kommt man zu so einer Therapie?

Therapieplatz
Einen ambulanten Therapieplatz findest du, indem du dir von deiner Kasse die Psychotherapeutenliste schicken lässt. Dann kannst du alle anrufen, die die entsprechende Therapieart anbieten. Das Weitere ist hier gut beschrieben: http://www.praxis-weise.de/anmeldeverfahren-fuer-eine-psychotherapie.html

Wichtig ist, dass du von Anfang an ein gutes, sympathisches Gefühl bei deine/r Therapeut/in hast, es muss sozusagen "die Chemie" stimmen, sonst kommt man meist nicht weit.

Viel Glück!

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3. Mai 2012 um 21:57
In Antwort auf paloma_12140129

Therapieplatz
Einen ambulanten Therapieplatz findest du, indem du dir von deiner Kasse die Psychotherapeutenliste schicken lässt. Dann kannst du alle anrufen, die die entsprechende Therapieart anbieten. Das Weitere ist hier gut beschrieben: http://www.praxis-weise.de/anmeldeverfahren-fuer-eine-psychotherapie.html

Wichtig ist, dass du von Anfang an ein gutes, sympathisches Gefühl bei deine/r Therapeut/in hast, es muss sozusagen "die Chemie" stimmen, sonst kommt man meist nicht weit.

Viel Glück!

Ps...
bleib hartnäckig und gib nicht auf, es bedarf oft mehrerer Anrufe und Geduld. Aber irgendwann tut sich was auf!

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