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Ich verschweige manchmal den Tod meiner Mutter

2. Juli 2013 um 14:19

Hallo ihr Lieben,

Ich habe eine etwas seltsame Angewohnheit, die mich immer wieder über mich selbst stutzig macht und mich in seltsame Situationen bringt....meine Mutter starb Ende 2011 nach langer Krankheit mit 55 Jahren und es war wie man sich vorstellen kann furchtbar, davor schon viele Jahre, dadurch dass ich sie so leiden gesehen habe, und nun vermisse ich sie natürlich furchtbar. Nun zu meinem "Problem". Ich habe die Angewohnheit, im Alltag oft so zu tun, als hätte ich noch eine Mutter. Es fing damit an, dass eine meiner Schülerinnen (ich gebe Privatunterricht) plötzlich meine Mutter erwähnte und sagte, ich müsse ja eine tolle Mutter haben, da ich so ein netter Mensch sei. Da ich die Schülerin zwar sehr gerne mochte, aber noch nicht sehr gut kannte, und der Tod meiner Mutter auch noch nicht lange her ist, habe ich einfach gesagt "Ja, sie ist wirklich eine ganz tolle und warmherzige Frau." Anstatt sofort zu sagen, dass sie nicht mehr lebt. Ich finde es einfach viel zu emotional, wildfremden Menschen zu erzählen, dass meine Mutter nicht mehr lebt, und halte dann die "Fassade" aufrecht indem ich so tue, als sei alles "normal". Es ist einfach eine furchtbare Vorstellung für mich, dass ich möglicherweise in einer eher beruflich geprägten Situation in Tränen ausbreche oder dass alle mich bemitleiden und ich dann wieder so traurig werde....daher sage ich einfach nicht die Wahrheit. Die Mutter eines Schülers fragte mich auch "Wenn du nach Hause fährst kannst du wieder das köstliche Essen deiner Mutter genießen, oder?" Die Frau ist selbst sehr schwer an Krebs erkrankt und ich traf sie gerade zum ersten Mal, ich wollte einfach nicht sagen "Ähm, meine Mutter lebt nicht mehr." Es kam mir einfach so unpassend und emotional vor. Menschen rechnen nicht damit dass Frauen in meinem Alter (27) bereits keine Mutter mehr haben, daher erwähnen sie meine Mutter oft beiläufig in irgendeiner Situation....ich finde es einfach unangenehm für mich und die anderen, sie sozusagen "vor den Kopf zu stoßen" und uns alle in dieses peinliche Schweigen zu versetzen. Nun habe ich meine zu Anfang erwähnte Schülerin allerdings besser kennengelernt und mag sie sehr, und immer noch weiß sie nicht dass meine Mutter nicht mehr lebt! Das ist nun natürlich blöd und einfach seltsam, nun kann ich auch nicht auf einmal damit herausrücken, das würde ja noch komischer wirken! Ich frage mich, warum ich es nicht einfach gleich sage, und vor allem wie ich es sagen soll, ohne dass gleich eine peinliche Stille entsteht und die Menschen ihr Beileid stammeln.

Versteht mich jemand? Oder gibt es irgendein Phänomen, dass man den Tod eines geliebten Angehörigen verschweigt und nicht anspricht? Ich glaube allerdings dass es bei mir schlicht und einfach daran liegt, dass ich Personen die ich noch nicht gut kenne nicht gleich auf die Nase binden möchte, dass meine Mutter tot ist. Bei Personen die ich gut kenne oder die ich direkt als potentielle "Freundinnen" kennenlerne, habe ich weniger Probleme damit...nur in eher "geschäftlichen" Situationen habe ich das Problem.

Ich bin dankbar für Antworten.

Mondnacht4

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26. Juli 2013 um 11:06

Danke
Liebe jolee28....entschuldige meine sehr verspätete Antwort und vielen Dank dass du dir die Zeit genommen hast, auf meinen Beitrag zu antworten...

In der Vergangenheitsform von meiner Mutter zu sprechen kommt mir einfach so seltsam vor, dass ich oft weiterhin "ist" sage....oder ich sage "Mein Vater kommt aus... und meine Mutter aus ....", wenn ich nach der Herkunft meiner Eltern gefragt wurde. Es rutscht mir einfach raus bevor ich es richtig überdenken kann, und ich glaube es ist eben diese Angst vor dem kurzen, betretenen Schweigen des Gegenübers oder der Nachfrage "War? Lebt sie nicht mehr?" oder irgendwie sowas. Aber am meisten ist es meine Befürchtung, dass ich bei der Erklärung sehr emotional rüberkomme, das wäre für mich das Schlimmste. z.B. habe ich eine sehr nette Schülerin (ich unterrichte privat), und als ich sie das erste Mal sah, lobte sie meinen Ring, den ich von meiner Mutter geerbt habe. Ich sagte dann "Ja, der ist von meiner Mutter." Woraufhin sie natürlich dachte, er sei ein Geschenk meiner Mutter und meinte, ich hätte bestimmt eine ganz tolle Mutter. Das hat mich emotional so aufgewühlt, dass ich einfach nur kurz "ja" gesagt und genickt habe. Meine Befürchtung war einfach zu groß, dass ich in Tränen ausbreche, gerade weil ich meine Schülerin sympathisch finde und mich ihr "verbunden" fühle (sie ist in etwa so alt wie meine Mutter jetzt wäre, also kein Kind). Aber sie ist und bleibt eben eine Schülerin, und das letzte was ich will ist, vor ihr einen Weinkrampf zu bekommen. Bis heute weiß sie nun nicht, dass meine Mutter nicht mehr lebt, weil danach nicht mehr der richtige Moment war, es zu sagen....oh mann....ich weiß, es ist schwierig darauf nun noch eine konstruktive Antwort zu geben, ich muss das selbst irgendwann einmal klären und mir wirklich angewöhnen, in unvermeidbaren Situationen in der Vergangenheitsform zu sprechen....und sonst sage ich ähnlich wie du "Ich fahre zu meiner Familie"....ich vermeide dabei mit Absicht das Wort "Eltern"...

Danke nochmal für deine Antwort

Lieben Gruß!

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16. August 2013 um 13:07


Mache ich auch manchmal so. Aber weniger, weil ich Angst habe zu weinen. Das geht inzwischen 10 Minuten ohne Tränen. Aber es geht die anderen nichts an und mein Vater ist weiterhin ein Teil meines lebens, halt nur der Hälfte, die schon hinter mir liegt. Es fiele mir nicht ein, ihn totzuschweigen, nur weil er tot ist oder das dann immer gleich mit in den Raum zu stellen, wir hatten schöne Erlebnisse zusammen, und von denen erzähle ich auch manchmal. Wer nicht weiß dass er tot ist, dem wird gar nichts auffallen. Die anderen gucken oft komisch. Mir egal.

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19. August 2013 um 5:07

Nicht allein...
Ich kann das 100% nachempfinden. Mein vater ist im April 2010 verstorben. Wenn mich Leute in meinem Bekanntekreis auf ihn ansprechen oder ihn erwähnen bring ich es einfach nicht übers Herz. Es schmerzt und es treibt mir die Tränen in die Augen. Ich antworte dann immet ziemloch ungenau oder versuche der Situation zu entfliehen.

Also ich denke schon das es normal ist so zu Reagieren. Es ist nicht immer einfach das zu erwähnen und darüber zu reden vorallem nicht mit Fremden Leuten. Wenn man dann doch mal erwähnt das er/sie verstorben ist, wollen die meistens die Details wissen. Auch wenn sie es nicht sagen man kann ihnen es ansehen.

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