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Ich bin so unendlich traurig!

6. Juli 2006 um 15:23

Meine Mutti ist am 28. April morgens um 3:01 Uhr gestorben. Ich vermisse sie so sehr. Es ist nicht wirklich tröstend, dass mein Papa und ich dabei waren. Sie hat so arg kämpfen müssen. Im August letztes Jahr war sie zum Arzt gegangen, weil sie ihren Husten einfach nicht los werden konnte. Auf den Röntgenbildern waren Stellen erkennbar, die auch von ihrem Asthma oder einer unentdeckten Lungentuberkulose herrühren konnten. Sie kam in die Klinik nach Buch und wurde dort genauer untersucht. Es wurden zweimal Gewebeproben aus der Lunge entnommen. Das erste Ergebnis war die Bestätigung, dass die Lunge alte Herde von Lungentuberkulose waren. Das zweite Ergebnis war niederschmetternd und als uns das durch die behandelnde Ärztin bekanntgegeben wurde, wurde alles noch viel schlimmer. Der Krebs in der Lunge war nicht der Ursprungskrebs. Sie wurde weiter untersucht und man fand heraus, dass der Ursprung in der Bauchspeicheldrüse lag. Gestreut hatte der Krebs schon auf die Lunge, die Leber und die Milz. Sie hatte danach diverse Chemotherapien durchmachen müssen. Die Chemo an sich war nicht so schlimm für sie, nur die Tatsache, dass so viele andere todkranke Menschen dort in der Praxis waren, hat sie fertiggemacht. Im März sollte sie mit meinem Papa zusammen zur Kur fahren. Sie war aber inzwischen so schlapp, dass sie keine Anwendungen mehr hätte mitmachen können. Also keine Kur an der Ostsee, wo sie sich doch so sehr darauf gefreut hatte. Ich habe fast jeden Tag mit ihr telefoniert. Zum Schluß hatte sie kaum noch die Kraft zum sprechen. Am 20. April waren mein Sohn und ich noch bei meinen Eltern, weil meine Mutter meinem Sohn unbedingt etwas persönlich "vererben" wollte. Als wir den Freitagabend ankamen, ging es ihr so schlecht, dass wir den Notarzt rufen mußten. Sie kam dann auch sofort ins Krankenhaus. Samstagvormittag haben mein Vater und ich sie dort besucht und nach langer Diskussion mit den Ärzten und nachdem wir die Patientenverfügung vorgelegt hatten, bekam sie nur noch Morphium. Samstagnachmittag sind mein Sohn und ich dann wieder zurückgefahren. Am Montag wurde sie dann zum sterben nach Hause entlassen. Sie wollte es so. Es war für uns alle nicht einfach. Am schlimmsten für meinen Papa. Ich hatte ihm von meiner Großen und deren Tochter das Babyphon gegeben, damit er hören konnte, wenn es meiner Mama schlechter ging oder sie nach ihm rief. Telefonieren konnte ich nur mit meinem Papa. Dienstag sagte er mir, dass er meint ich solle kommen, sie würde nicht mehr lange leben. Mittwoch nach der Arbeit war ich dann wieder nach Berlin gefahren (ich wohne in Hamburg und war fast jedes Wochenende in Berlin). Da hatte sie mich abends noch kurz erkannt. Ansonsten hatte sie fast nur geschlafen. Der Pflegedienst kam 3 mal täglich und hatte Morphium gespritzt. Am Donnerstag haben mein Papa, mein Bruder und ich abwechselnd an ihrem Bett gesessen und ihre Hand gehalten. Das war unser Abschied. Jedesmal, wenn ihr Atem stockte, dachte ich jetzt ... jetzt hat sie es geschafft. War aber nicht so. Nachts um halb 2 kam mein Papa ins Wohnzimmer (wo ich auf der Couch schlief) und hatte nach der Nummer vom Pflegedienst gesucht. Dort ging aber keiner ans Telefon. Dann haben wir (da das auf der Mappe vom Pflegedienst stand) die Feuerwehr angerufen. Meine Mutter hatte richtig gekämpft und geschrien. Es war grausam. Ich konnte sie nicht beruhigen (ja wie auch, sie war ja schon auf ihrem Weg ...). Die Feuerwehr kam dann, konnte aber auch nichts machen. Die haben dann den Notarzt gerufen und bis der da war, da hatte meine Mum schon aufgehört zu atmen. Mein Papa hatte das alles gar nicht so richtig mitgekriegt. Erst als ich ihm gesagt habe, sie hat es geschafft, da kullerten uns beiden die Tränen. Der Notarzt war dann noch so blöd und hatte gefragt, als er ankam, was er denn nun hier solle. Ich hätte ihn ohrfeigen können. Nachdem der Leichenschauschein ausgestellt war und alle wieder weg waren, habe ich meine Mum gewaschen und angezogen. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass mein Papa und ich es machen sollten. Sie wollte nicht, dass irgendein Fremder das tut. Sie fehlt mir so unendlich. Sie ist 71 Jahre alt geworden, hätte im Mai 72 werden sollen. Ich denke so oft, wenn mir irgendetwas passiert oder so, 'Das mußt du Mutti erzählen'. Geht nicht mehr. Mein Freund sagt oft, er vermißt auch unsere Wortspielereien. Wir haben uns mit Tierschimpfnamen (dumme Gans, blöde Kuh) öfter ein Wortgefecht geliefert, da hätte manch aussenstehender gedacht, wir seien verrückt. Für uns war es schon seit meiner Jugendzeit 'normal'. Anlass war meistens eine Meinungsverschiedenheit oder so etwas in der Art.
Ich telefoniere jeden Abend mit meinem Papa und fast jeden Abend kommen uns beiden die Tränen. Ich war bis 5 Wochen nach dem Tod meiner Mutter jedes Wochenende bei ihm. Ich konnte es allerdings nicht länger durchhalten. Ich arbeite den ganzen Tag und habe ja auch noch 3 Kinder (zwar erwachsen, aber sie brauchen mich) und 2 Enkelkinder. Habe versucht meinen Kindern zu sagen, dass sie froh sein können, dass es mich noch gibt. Denke aber, man weiß immer erst, wenn man etwas nicht mehr hat, wieviel es einem bedeutet hat. Heute mit über 2 Monaten Abstand, mag ich immer noch nicht daran denken, wie es war als sie starb. Wir hatten ja angenommen sie hat solche Schmerzen, dabei hat sie nur mit dem Tod gekämpft. Ich hoffe, dass sie irgendwie zu ihrer Mama gefunden hat. Die war mit 61 vor 33 Jahren gestorben. Ich weiß nicht, was da nach dem Tod sein wird. Es konnte ja noch keiner berichten, weil keiner zurückkommt. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass man seine Lieben wiedersieht. Sie hatte im Todeskampf nach ihrem Papa gerufen, der im Krieg gefallen war. Sie war noch Kind so 8 oder 9 Jahre alt.
Einerseits sage ich mir immer wieder, dass es gut ist, dass sie nun nicht mehr leiden muß. Und zum Schluß war es ja auch kein Leben mehr für sie. Es ist aber auch nicht wirklich Trost. Ich hätte sie zu gerne wieder. So vieles erinnert an sie und das schmerzt im Moment noch unendlich.
Entschuldigt, dass es so viel geworden ist, aber ich mußte mir das alles mal von der Seele schreiben. Ob es mir damit jetzt besser geht, kann ich noch nicht sagen. Ich schreibe sowieso seit ihrem Tod wieder Tagebuch. Nicht täglich, dazu bin ich nicht in der Lage. Aber mindestens jede Woche.

Missing you!

Ines

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7. Juli 2006 um 13:47

Ich denke an dich
ich habe meinen geliebten Vater letztes Jahr an Darmkrebs verloren, leider habe ich ihn nicht mehr gesehen habe ihn in erinnerung so wie er war, immer für mich da, er hat soviel für mich getan und ich konnte nie richtig danke sagen, ich war jahrelang Drogenabhängig, aber er hat immer an mich geklaubt. mein letztes Geschenk ist, das ich clean bin, 2 Kinder (die er zum Glück noch gesehen hat) und mehr konnte ich nicht tun.
ich arbeite in der Pflege und begleite gerade eine Patientin beim sterben, ich habe immer das gefühl ich bin ihm das schuldig, weil ich es bei ihm nicht getan habe, erst dachte ich es zerreist mich aber nun merke ich das es gut tut jemanden zu begleiten, die Hand zu halten und einfach versuchen loszulassen, der tot kann nur eine erlösung sein und das tröstet. Der Schmerz wird erträglich

glaube mir, alles liebe von einer Namensvetterin

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