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Heilt die zeit wirklich alle wunden? ( sehr lang)

12. August 2010 um 0:19

hallo,

ich habe vor fünf jahren meinen vater verloren...

es ist eine lange geschichte welche mich auch nach diesen vergangenen jahren nicht zur ruhe kommen lässt.
mein vater hatte seitdem ich klein war ein alkoholproblem, weshalb sich meine mutter auch von ihm getrennt hatte, da ein normales geregeltes familienleben nicht statt finden konnte. beide lernten einen neuen lebenspartner kennen und der kontakt zu meinem vater wurde über die jahre immer weniger bis ich ca. mit 12 jahren keinen kontakt mehr zu ihm hatte, da er sich einfach nicht mehr meldete etc.

nach zwei jahren ohne kontakt war das bedürfniss ihn wieder zu sehen einfach zu groß geworden, sodass ich beschloss mich zu überwinden und mich bei ihm zu melden! allerdings stellte sich das als garnicht so einfach heraus, da sich seine lebengefährtin nach 9 jahren beziehung von ihm getrennt hatte und er verzogen war. doch wohin? ich erfuhr von bekannten, dass er die ganzen jahre über keinen alkohol mehr angerührt hatte und war darüber auch sehr erleichtert.
ich suchte im internet nach einer adresse oder telefonnummer, rief sogar seine ex an doch nichts half weiter.

durch einen zufall bekam ich den entscheidenden hinweis wo ich ihn finden konnte. mir wurde eine adresse in die hand gedrückt und ich setzte mich ins taxi und fuhr los. plötzlich fand ich mich vor einem wohnheim vor und ich ahnte nichts gutes. ich beschloss dort nachzufragen und bekam auch eine auskunft. er war derzeit im LKH zum entzug. ich rief ihn dort an und wollte wissen ob ich vorbei kommen kann...er sagte sofort ja und wir trafen uns dort.
ich kann mich heute noch erinnern, wie ich auf die station kam und am ende des flurs stand ein mann mit dem rücken zu mir und er drehte sich um und lief schnell auf mich zu, nahm mich in den arm, find an zu weinen und sagte: ich wusste du würdest mich nie alleine lassen- mein kleiner spatz! wir gingen lange spatzieren und unterhielten uns über die letzten jahre. er versprach, dass er seine probleme schnell wieder in den griff bekommen will und mich so oft wie möglich sehen wollte.

diese art der treffen fanden dann über einen zeitraum von ca. 3 monaten regelmäßig statt. wir verabredeten uns immer am telefon. bis ich ihn eines tages nicht mehr erreichen konnte. anschließend hatte ich eine schwere operation und war lange an mein bett gefesselt (ca. 1 jahr )
in dieser ganzen zeit hörte ich nie wieder was von ihm.

als ich dann wieder fit war und mit meinem damaligen freund in die stadt ging sah ich aus weiter entfernung einen heruntergekommen mann auf dem boden sitzen und es war wie ein stich in mein herz als ich mich geistestabwesen sagen hörte : das ist ja mein vater! mein herz schlug mir bis zum hals als ich auf ihn zu ging und ich beugte mich zu ihm herunter und sagte : papa ?
erst da bemerkte er mich und war froh mich zu sehen...neben ihm waren unmengen bierflaschen und er sah sehr schlecht aus. wie ein obdachloser! ich unterhielt mich so gut es ging mit ihm und stellte ihm meinen freund vor, welchem die begegnung sichtlich unangenehm war. mein vater erzählte mir, dass er bestohlen worden sei usw. und fragte mich im gleichen atemzug nach geld welches ich ihm auch gab.
ich habe ihn gebeten sich bei mir zu melden und er sagte er würde dies auch tun aber es kam nie etwas. das telefon hat nie geklingelt und meine versuche ihn zu erreichen waren hoffnungslos fehlgeschlagen.

ich lief monate lang mit diesem bild von ihm im kopf umher und hielt immer die augen offen sobald ich in der stadt war aber ich habe ihn nicht mehr gesehen.

eines tages als ich aus der schule kam und ich die haustüraufschloss, klingelte bereits das telefon und ich beeilte mich den anruf noch zu bekommen. ich hatte den hörer am ohr und eine stimme sagte : polizeistation ... usw. ist ihre mutter zu sprechen? ich reichte das telefon weiter und verfolgte meine mutter ihn ihr schlafzimmer welches sie zum telefonieren aufsuchte. sie lauschte nur dem was am anderen ende gesagt wurde und aufeinmal veränderte sich ihr gesichtsausdruck schlagartig und ich wusste gleich was los war. sie nahm kurz den hörer vom ohr und flüsterte mir zu : papa ist tod. uns beiden liefen die tränen übers gesicht und ich konnte es nicht fassen. sie hatten ihn in einer verlassenen und vermüllten wohnung aufgefunden. ganz alleine.

meine mutter war so schwer getroffen ( sie liebt ihn bis heute noch), dass sie in allem was mit dem tod meines vaters zu tun hatte wie ohnmächtig war. ich musste mich um behördengänge für rentenanträge, nachlass sowie beerdigung kümmern was mir auch sehr schwer fiel. erstens betraf es mich ebenso und zweitens war ich erst 16 jahre alt.

ich kann diese letzte zeit mit meinem vater einfach nicht vergessen! ich mache mir soviele vorwürfe und frage mich, ob ich nicht evtl. hätte helfen können! aber ich war damals mit der situation einfach überfordert. ich war doch erst 14 und wusste nicht wie ich hätte handeln können. mein schlechtes gewissen verfolgt mich bis in die nacht und auch fünf jahre später träume ich so oft von ihm und wache dann schweißgebadet und in einem nass geweinten kissen wieder auf...

nimmt das nie ein ende?
habt ihr einen rat?

ich würde mich über antworten freune.

lg
nadine

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12. August 2010 um 22:15

Danke...
... für deine antwort!

ich habe mich sehr darüber gefreut, zumindest eine rückmeldung zu bekommen!
es ist schon nicht ganz einfach mit einer abhängigkeitserkrankung in der familie zu leben und damit richtig umzugehen aber wem erzähle ich das oder?!
es kann schon sein, dass man aus dieser situation heraus etwas schneller "erwachsen" werden muss. man wird schon so früh mit problemen konfrontiert, von denen andere kinder in diesem alter wahrscheinlich noch überhaupt nichts ahnen. meine mutter hat sich zwar jegliche mühe gegeben, alles aufzufangen und meine schwester und mir ein möglichst unbeschwertes leben zu bieten aber wenn wir heute darüber sprechen ist sie erstaunt an welche situtationen ich mich noch zurück erinnern kann. sie sagt dann immer nur, dass sie nie gedacht hätte, dass man das in diesem alter überhaupt so mitbekommt!

sich selber zu verzeihen und mit sich und seinem schlechten gewissen ins reihne zu kommen ist leider garnicht so einfach. im grunde genommen weiß ich ja, dass jeder mensch seine eigenen entscheidungen trifft und die konsequenzen für sein handel tragen muss aber irgendwo in mir drin ist immer ein kleiner zweifel welcher sich von zeit zu zeit meldet und fragt: hättest du nicht doch was tun können?!

ich habe mich hier im forum etwas umgesehen und festgestellt, dass du ja auch eine ziemlich bewegte vergangenheit hast, was mir auch sehr leid tut! ich wünsche dir für dein weiteres leben ganz viel kraft und vorallem etwas mehr glück wenn man das so sagen kann?!

danke nochmal für deine antwort
alles gute und viele grüße gehen an dich!
nadine

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