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Große Schuldgefühle gegenüber Menschen mit Behinderung

4. April 2009 um 11:57 Letzte Antwort: 15. April 2009 um 9:21

Hallo,

ich muss mal fragen, ob es noch andere Menschen gibt, die sich manchmal so fühlen wie ich. In meinem Familien- und Freundeskreis habe ich schon oft darüber gesprochen, jedoch nie große Resonanz erfahren...

Es geht darum, dass ich extreme Schuldgefühle bekomme, wenn ich (körperlich und geistig) behinderte Menschen (vorallem Kinder) sehe. Mich überkommt eine so große Traurigkeit und Anteilnahme an diesen Schicksalen, die ich nicht beherrschen oder wegschieben kann. Ich weiß, dass viele dieser Menschen sehr lebensfroh sind und mit ihrer Situation auch gut zurecht kommen, aber irgendwie lassen mich diese Gefühle oft nicht los.

Ich fühle mich machtlos, weil ich niemandem helfen kann, der z.B. schon sein Leben lang im Rollstuhl sitzt und/oder an einer unheilbaren Krankheit leidet. Ich weiß auch nicht, wo ich Antworten auf all die Fragen kann, die mir durch den Kopf gehen wenn ich diesen Menschen begegne.

Ein ähnliches Gefühl beschleicht mich auch bei Obdachlosen, bei Menschen, die in großer Armut leben....

Vielleicht kann hier jemand einen Kommentar dazu schreiben...

Danke fürs Lesen,
Adriana

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4. April 2009 um 12:22

Ja, ich hatte diese Schuldgefühle auch
In unserer Nachbarschaft wohnt eine Frau (38 Jahre), die seit dem Abitur unterhalb der Hüfte gelähmt ist. Durch einen Urlaub in Ägypten verunfallt und nicht rechtzeitig in klinische Versorgung gelangt, ist ihr Leben sehr reduziert auf ständigen Rollstuhlgebrauch und eine behindertengerechte Wohnung.
Ich war stets gehemmt, wenn ich mit meinen Lamas und Hunden in die Natur gehen konnte, währenddessen sie mit dem Handybike unterwegs war auf der auf der Strasse.
Durch meine Krankheit (Leukämie, 2 Hirnschläge und Epilepsie) war ich 15 Monate ebenfalls im Rollstuhl. Die Erfahrungen in der Reha haben aus mir einen anderen Menschen gemacht, ich habe diese Sperre überwunden.
Heute gehen wir zusammen einkaufen, habe mich phänomenal erholt (nur 3 von 100 kommen bei diesem Krankheitsbild durch) und verstehe dadurch die Problematik der Rollstuhl-Benutzer. Behinderte wollen nicht als behinderte Menschen betrachtet, sondern als vollwertige Menschen behandelt werden.
Wenn du jemanden im Rollstuhl siehst, frage einfach, ob du ihn ein Stück begleiten und schieben kannst, denn die Arme schmerzen schnell, weil die Muskeln atrophisch sind.
LG monixs

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6. April 2009 um 20:59

Des gleiche hab ich auch....
hi,

des gleiche Gefühl hab ich auch.....
zum Beispiel am Samstag war ich in der Disko und da sah ich einen Mann der ganz alleine gekommen ist...und immer nur rumgeschaut hat....dann fing er an alleine zu tanzen....
Ich glaube nicht das er behindert war oder so...ich glaube eher, dass er traurig war das er niemanden hatte um weg zu gehen, um zu tanzen und um zu feiern....
Und jetzt geht mir dieser Mann nicht mehr aus dem Kopf..... Er tat mir so leid....

Mir tut es immer so leid wenn menschen alleine sind....ich könnte nur noch heulen....

Auch damals an meiner Schule, da war ein Mädchen immer den ganzen tag alleine, weil sie im Gesicht ne Behinderung gehabt hat....
Das arme Mädchen ging mir nicht mehr aus dem Kopf...

Des tut mir immer so weh, wenn ich menschen sehe die so alleine sind....

Ich glaube ich weis wieso ich mit anderen Menschen immer so mitfühle: ich glaub weil ich ganz genau weis wie es ist alleine zu sein!!!!! Das ist echt hart!!!!

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15. April 2009 um 9:21

Normal behandeln
Ich bin seit 20 Jahren verheiratet mit einem behinderten Mann. Als wir uns kennenlernten, war er gerade nach einer Beinamputation frühverrentet worden. Solange wir am Tisch in einer Kneipe saßen, konnte ich gar nicht merken, dass er behindert ist. Erst als er aufstand sah ich, dass er ein Bein nachzog. Ich fand ihn vorher im Gespräch sehr nett und interessant und dass er einen Gehfehler hatte störte mich auch nicht. Er erzählte mir wohl etwas von einer Operation, aber mehr wusste ich bis dahin auch nicht.

Wir haben uns dann ziemlich schnell privat getroffen und er ging auch sofort offensiv damit um und zeigte mir seine Behinderung: Oberschenkelamputation, am anderen Bein ein Bypass, gehen nur mit Hilfe einer Gehprothese möglich, Krankheit ist fortschreitend. Er meinte dann zu mir, jetzt wäre ich wohl richtig geschockt? War ich aber nicht, er war mir sympathisch und ich wollte erst mal alles auf mich zukommen lassen.

Eine Freundin hat mich später so verunsichert, von wegen, der klammert sich doch nur an dich, fang bloß nichts an mit dem usw. Ich habe es mir ein Wochenende überlegt und mich dann doch bei ihm gemeldet weil ich dachte, warum es eigentlich nicht ausprobieren? Wenn es nicht klappt muss das ja nichts mit der Behinderung zu tun haben. Und ich habe es bis heute nicht bereut und wir haben zwei Kinder.

Nach 10 Jahren musste das andere Bein auch amputiert werden unter dem Kniestumpf. Mit zwei Gehprothesen und Stöcken kann er kurz laufen, z.B. bis zum Auto, aber weiter nicht. Zuhause sitzt er im Rollstuhl oder bei längerem Sitzen nimmt er ihn mit.

Wir waren schon vorher ziemlich eingeschränkt was gemeinsame Aktivitäten betrifft. Viele Dinge waren und sind einfach nicht möglich, z.B. Spazieren gehen (er weigert sich, sich im Rollstuhl von mir schieben zu lassen), Fahrrad fahren, Einkaufen, Shoppen, Kino (trotz Fahrstuhl), Urlaub usw. Er hatte sich total auf sich zurückgezogen, sich für nichts mehr außerhalb seiner Reichweite interessiert. Interessiert sich nur noch für seinen Computer und die Arbeit und Projekte, die er sich hier aufgebaut hat. Die letzten 10 Jahre waren für mich sehr schwer, wir hatten viel Streit und ich bin depressiv geworden. Ihn hat das äußerlich nicht gestört, er sah überhaupt nicht ein, dass er was damit zu tun hätte. Wir standen schon mehrfach vor einer Trennung. Auch das brachte ihn nicht zur Vernunft obwohl er weiß, dass er alleine nicht zurecht käme. Und ich bin eine treue Seele, ich konnte ihn einfach nicht alleine lassen und bin dabei fast vor die Hunde gegangen.

Dann hatte ich eine Therapie gemacht und nehme jetzt Antidepressiva, demnächst möchte ich noch einmal eine Gesprächstherapie anfangen. Seitdem geht es mir wesentlich besser, ich sorge für mein eigenes Wohl, dass ich ihm zuliebe fast aufgegeben hatte. Ich gehe in eine Selbsthilfegruppe, habe neue Kontakte außerhalb der Familie für Aktivitäten geknüpft und unternehme einfach mehr. Ohne ihn. Das macht mich zufrieden und ausgeglichen. Und siehe da, jetzt kommt er wieder mehr auf mich zu. Seit ein paar Monaten ist unsere Beziehung wieder ziemlich gut und ich denke, das war ein sehr guter Weg.

Meine Erfahrung ist, Behinderte ganz normal zu behandeln, nicht freundlicher als andere Menschen, auch nicht vor Hilfsbereitschaft springen. Das wollen die meist gar nicht. Du kannst deine Hilfe anbieten, mehr nicht. Sie wollen nämlich so lange es irgendwie geht selbstständig bleiben. Wenn du ihnen alles abnimmst tut es beiden nicht gut. Mir hat damals geholfen, dass er so offensiv mit seiner Behinderung umgegangen ist. Das schockt den anderen vielleicht in dem Moment, aber dann ist es auch raus. Ich bewundere meinen Mann für seinen Lebensmut, da konnte er mir auch immer ein Stück von abgeben.

Du brauchst keine Angst vor Behinderten zu haben, wenn du jemanden sympatisch findest, lass dich einfach darauf ein, viele haben mehr Lebensmut als du glaubst. Entwickel bloß kein Helfersyndrom, ich weiß, das klingt hart, aber ich habe da meine Erfahrungen gemacht. Wenn du Hilfe anbietest, gerne mit jemand Behinderten zusammen etwas unternimmst ist das gut. Aber wenn du mal nicht willst - genauso nein sagen wie bei anderen gesunden Menschen, ohne schlechtes Gewissen. Dann habt ihr beide was davon.

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