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Essstörung

4. November 2019 um 20:54 Letzte Antwort: 10. November 2019 um 9:49

Hallo Alle

Ich habe seit Anfang des Jahres schleichend eine Essstörung entwickelt. Anfangs war es nur stressbedingte Appetitlosigkeit wegen der Arbeit, Schichten, kranker Vater, sonstige Sorgen und Problemchen. Irgendwann hat das ganze dann eine Eigendynamik angenommen, die ich nicht mehr steuern konnte. Inzwischen bin ich an dem Punkt, dass der Feind, der da in mir wohnt, mir beinahe alles verbietet. Die Liste der „erlaubten“ Lebensmittel umfasst nur noch ca. 10 Gemüsesorten, Reiswaffeln, geringe Mengen Haferkleie am Morgen, Magerquark, Sojajoghurt, Äpfel und ein paar Beeren. An normalen Tagen esse ich, je nach Aktivität, 500-700 kcal. Alles wird am Vortag geplant, dokumentiert und vorbereitet. Allerdings bereitet mir dieses ganze Drumherum inzwischen so eine Mühe, dass ich pro Mahlzeit ca. 1,5 Stunden benötige, sodass die Gemüse wahrscheinlich demnächst auch wegfallen (das Geschnibbel und Rumrechnen kostet unglaublich viel Zeit..).
Ich bin seit einigen Wochen in ambulanter Therapie und weiss selber, dass es so nicht weiter gehen kann. Mein Psychiater hat mir in der letzten Sitzung gesagt, dass er das ambulante Setting aufgrund der Negativentwicklung und stetigen Verschlechterung meines Zustands nicht mehr verantworten kann / will. Also überweist er mich nun in eine stationäre Therapie. Eigentlich war ich einverstanden und hatte auch Einsicht. Aber seitdem das feststeht, verschlimmert sich alles drastisch. Jetzt gerade bin ich an dem Punkt, alles hinschmeissen zu wollen - keine Therapie mehr, nichts essen, kein lebenswertes Leben mehr haben, über nichts mehr nachdenken, nichts mehr fühlen, keine Auseinandersetzung mit irgendwas. Ich bin es leid und so schrecklich müde von alledem.
Ich fühle mich einfach zu dick und nicht krank genug für eine stationäre Therapie. Klar, ich kann nicht mehr klar denken, nicht schlafen, bin innerlich entweder völlig leer oder voller negativer Emotionen, habe das Gefühl zu verhungern, darf aber nicht richtig essen und schleife diverse Komorbiditäten mit. Aber! anderen Menschen geht es wesentlich schlechter und ich kann mir nicht vorstellen, auf einer Station für Essgestörte mit Anorexie ernst genommen zu werden. Ich soll Ende November in die Klinik. Und das löst in mir so eine Panik und so einen Stress aus, dass ich das Gefühl habe, ich muss bis dahin noch mindestens 2-3 Kilo verlieren, um mich nicht völlig lächerlich zu machen. Aktuell 1,65 m und 43,5 Kilo (vor 6 Monaten ca. 66-67 Kilo), 27 Jahre alt, vorher nie derartige Essprobleme gehabt.
Ich weiss wie gestört sich das liest, Kommentare dahingehend gerne klemmen. Hat irgendjemand, irgendwas „Brauchbares“ für mich?

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4. November 2019 um 23:15
Beste Antwort

Du fühlst dich dick, du fühlst dich nicht ernst genommen... bist du schonmal auf die Idee gekommen, deine Gefühle in Frage zu stellen? Sie nicht mehr als Maß aller Dinge zu sehen? Was sagt dir zum Beispiel dein Verstand... ebenfalls dass du zu dick bist?

Über Emotionen und Gefühlen wirken in uns Instinkte und Triebe. Auf diese Weise wird das Verhalten von Tieren (die kein Bewusstsein besitzen) gesteuert. Überleg mal, was es für dich als Mensch bedeutet, wenn du diesen Mechanismen die volle Macht über dein Handeln gibst...

Und noch ein Punkt: In dir gibt es einen starken (emotionalen) Schmerz, vor dem du nicht weglaufen kannst. Deine Essstörung ist der Versuch, genau dies zu tun und den Schmerz zu vermeiden, damit du dich für einen Moment "wohler" fühlen kannst. Auf lange Sicht macht dich dieses Vermeiden aber kaputt. Drum versuche die Notwendigkeit zu erkennen, dass es dir wirklich drecktig gehen muss bevor du in deiner Entwicklung weiterkommen kannst... stell dir mal vor wie es dir gehen würde, wenn du gegen deine Impulse wieder eine ganz normale Menge essen würdest. Dieser Schmerz muss gefühlt und durchlebt werden, und zwar ganz bewusst, wenn du die Essstörung hinter dir lassen möchtest... deshalb schaffe dir einen "geschützten Raum", in dem du diesen Schmerz zulassen kannst. Vielleicht ist auch der Klinikaufenthalt eine passende Gelegenheit dafür.

Manchen kann es helfen, sich selbst bzw. die eigene Meinung nicht mehr so wichtig zu nehmen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass man ein recht darauf hätte, sich "wohlzufühlen", oder jeder das tun müsse, mit dem er sich "wohl fühlt". Solche Glaubenssätze sind Gift wenn man unter einer Suchterkrankung leidet... denn die Verdrängungsmechanismen leben von ihnen. (Deshalb werden diese Glaubenssätze übrigens auch so massiv in der Werbepsychologie eingesetzt.)

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10. November 2019 um 9:49
In Antwort auf bblubb456

Du fühlst dich dick, du fühlst dich nicht ernst genommen... bist du schonmal auf die Idee gekommen, deine Gefühle in Frage zu stellen? Sie nicht mehr als Maß aller Dinge zu sehen? Was sagt dir zum Beispiel dein Verstand... ebenfalls dass du zu dick bist?

Über Emotionen und Gefühlen wirken in uns Instinkte und Triebe. Auf diese Weise wird das Verhalten von Tieren (die kein Bewusstsein besitzen) gesteuert. Überleg mal, was es für dich als Mensch bedeutet, wenn du diesen Mechanismen die volle Macht über dein Handeln gibst...

Und noch ein Punkt: In dir gibt es einen starken (emotionalen) Schmerz, vor dem du nicht weglaufen kannst. Deine Essstörung ist der Versuch, genau dies zu tun und den Schmerz zu vermeiden, damit du dich für einen Moment "wohler" fühlen kannst. Auf lange Sicht macht dich dieses Vermeiden aber kaputt. Drum versuche die Notwendigkeit zu erkennen, dass es dir wirklich drecktig gehen muss bevor du in deiner Entwicklung weiterkommen kannst... stell dir mal vor wie es dir gehen würde, wenn du gegen deine Impulse wieder eine ganz normale Menge essen würdest. Dieser Schmerz muss gefühlt und durchlebt werden, und zwar ganz bewusst, wenn du die Essstörung hinter dir lassen möchtest... deshalb schaffe dir einen "geschützten Raum", in dem du diesen Schmerz zulassen kannst. Vielleicht ist auch der Klinikaufenthalt eine passende Gelegenheit dafür.

Manchen kann es helfen, sich selbst bzw. die eigene Meinung nicht mehr so wichtig zu nehmen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass man ein recht darauf hätte, sich "wohlzufühlen", oder jeder das tun müsse, mit dem er sich "wohl fühlt". Solche Glaubenssätze sind Gift wenn man unter einer Suchterkrankung leidet... denn die Verdrängungsmechanismen leben von ihnen. (Deshalb werden diese Glaubenssätze übrigens auch so massiv in der Werbepsychologie eingesetzt.)

Liebe Bblubb 
Vielen Dank für deine Worte. Ich sehe die Notwendigkeit einer Behandlung. Aber mehr im Bezug auf meine Komorbiditäten. Das mit den Gefühlen ist so eine Sache... Seit einigen Tagen fühle ich nun gar nichts mehr, respektive fast nichts. Das Einzige, das zwischendurch in mir aufkommt, ist Boshaftigkeit. Sonst ist da derzeit nur noch Leere. Mein Arzt hat mich in eine Klinik überwiesen und ich regle gerade die bürokratischen Dinge dafür. Eigentlich will ich nicht dort hin, weiss aber, dass es der einzige Weg ist. 

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