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Das Straßenkind

22. Mai 2017 um 13:44 Letzte Antwort: 22. Mai 2017 um 19:50

Hallo Leute,

​heute nutze ich diese Form des Schreibens zum ersten Mal. Ich möchte eine Geschichte schreiben. Meine Geschichte.

​Warum nutze ich dieses Forum um meine Geschichte zu schreiben? Weil wir in einer Gesellschaft leben, die sich nicht mehr für Geschichten interessiert. Sie ist schnell geworden, die Zeit. Man bleibt stehen und fragt sich, wer bin ich? Was habe ich zu erzählen? Wer hört mir zu und wer hat ein ehrliches Interesse mich kennenzulernen. Oft habe ich in diesem Forum gelesen, die unterschiedlichsten Themen und Fragen. Die Not!

​Mein Leben dauert nun schon fast 41 Jahre an. Geboren in eine Familie, die keine Familie war. Sehr schnell begriff ich, dass ich mir das Leben selbst beibringen muss, sonst tut es keiner. Wir wechselten oft den Wohnort und somit auch die Schule und mit jedem Wechsel wurde ich ein wenig mehr allein. Aber ich mochte mich gut leiden, drum verbrachte ich sehr gern Zeit mit mir allein. Ich unternahm Ausflüge mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Ich kannte alle schönen Plätze in meinem Umfeld. Dort saß ich und träumte.

Gerade 16 Jahre alt geworden unternahm ich den größten Ausflug. Hinaus in die weite Welt. Ich wohnte im Heim, auf der Straße, in einer Garage. Um dort sein zu dürfen, putze ich die Kneipe nebenan jeden Morgen. Mit 18 Jahren war ich dann frei. Keiner war mehr für mich zuständig, nur ich allein.
​Ich bummelte durchs Leben. Jobbte mal hier, mal da. Von Köln nach Leipzig, von Leipzig nach München, von München nach Ostfriesland und Nordfriesland. Ich nahm nie Drogen und das erste Mal zu viel getrunken hatte ich an meinem 30. Geburtstag. Ich war nüchtern und ich kann mich an jeden einzelnen Tag dieser Zeit erinnern.
​Man kommt ganz gut zurecht da draußen. Nur Weihnachten war hart. All diese glücklichen Familien zu sehen, wie sie an einem vorbeilaufen und man bleibt zurück. Weihnachten kann ich bis heute nicht genießen weil ich mit meinem Gedanken da draußen bin. Bei den heimatlosen, die in fremde Fenster schauen und die Ente nur riechen. Manchmal wünsche ich mir an diesen Tagen ganz allein zu sein, um in mich zu kehren und daran zu denken. Verstehen wird dieses Gefühl niemand der nicht an solchen Tagen da draußen war. Allein, ohne Familie und gute Freunde.
In Nordfriesland lernte ich meinen späteren Mann kennen. Plötzlich war ich wieder Teil dieser Gesellschaft. Aber ich vergaß nicht. Ich war ein Kind der Straße, und das vergisst niemals. Ich kämpfte jeden Tag. Mein Mann war nicht einfach. Er konnte schlecht Gefühle zeigen und so blieb ich weiter allein. Das sollte sich ändern als meine Tochter auf die Welt kam. Mein kleiner Sonnenschein. Naja, mittlerweile ist sie größer als ich. Und sie kommt ganz langsam in das Alter, als ich aufbrach in die Welt. Ich erzählte ihr alles was ich wusste, über da draußen. Ich erzählte ihr von Gott, wie wichtig es ist, an irgendetwas zu glauben. Sie ist ein wundervoller Mensch. Warmherzig, stark, fröhlich und mein ganzer Stolz. Sie lebt.
Mein Mann wurde krank. Sehr krank. Ich pflegte ihn bis er an Weihnachten starb. Mit nur 35 Jahren. Ja Weihnachten. Ich mag es nicht. Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt gerade 9 Jahre alt. Ich machte allein weiter. Ich kämpfte und erinnerte mich an die Zeit, als ich auf Reisen war. Das rettete mir das Leben. Schon damals hatte ich mich in die obere Etage hochgearbeitet. Das war ein Traum den ich immer auf meinen Ausflügen träumte. 
Zwei Jahre blieb ich mit meiner Tochter allein. Wir waren ein wunderbares Team. Sie machte nichts und ich alles andere. Lach. Aber, sie kann ganz fantastische Eierkuchen machen, viel besser als ich. Und sie ist gut in der Schule. Sie muss schließlich mal ein Medikament gegen Krebs finden, sagt sie.
Nach dieser Zeit lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Er hatte sich vorgenommen mich glücklich zu machen. Ich war und bin überfordert mit diesem Angebot und weil er das nicht so richtig hinkriegt, ist er gefrustet. Ich könnte ihm erzählen was glücklich macht, aber er wird es nicht verstehen weil er denkt, Glück kann man machen, aber so funktioniert das Leben nicht. Vielleicht habe ich auch ein wenig zu viel erlebt und vielleicht war ich viel zu lange allein.
Was ist Glück? Lieben zu können und geliebt zu werden. Das ist Glück. Und wenn man den Menschen gefunden hat, der das Herz zum Hüpfen bringt, dann ist ein Zelt da draußen aber sowas von romantisch. Versprochen.
Was mache ich heute? Ich blicke zurück auf eine Geschichte, auf meine Geschichte. Die noch viel länger und erfüllter ist, als ich es hier aufschreiben kann.
Ich bin oft verzweifelt, weil ich meine Geschichte nicht erzählen kann. Man glaubt sie mir nicht. Keiner kennt mich wirklich. Keiner weiß wer ich wirklich bin. In dieser Gesellschaft ist kein Platz für ein Kind der Straße.
Heute, mit fast 41 Jahren, besitze ich meine eigene Firma mit mehreren Mitarbeitern. Wir helfen Familien die in Not geraten sind. Wir versorgen die Kleinen und auch die Alten und manchmal sitze ich da und halte eine Hand, wenn ein Mensch den letzten Ausflug seines Lebens unternimmt. All das was ich erlebt habe, setze ich in meinem Betrieb um ohne dass jemand die Wahrheit kennt.
Denkt nicht so viel nach, nutzt die Zeit der Nacht nicht zum Grübeln oder Streiten sondern zum Schlafen. Denn nur wenn man schläft, kann man träumen. Hört zu wenn euch jemand etwas erzählt, denn aus jedem gesagten, kann man etwas für sich mitnehmen. Und vergesst nicht zu lächeln. Humor ist wichtig und er rettet euch über schlechte Zeiten.
Vielen Dank dafür, dass ihr Euch die Zeit genommen habt zu lesen.
 

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22. Mai 2017 um 19:50

Auch dir viel Glück, Reisende. Und meinen Dank, dass ich diese Geschichte teilen darf.
Doch sei ewahr, es gibt sie noch.
Die Clowns. Die Skalden. Mimen, Barden, Sänger und Geschichtenerzähler.
Streiter, nicht für Land oder Ideologie, Geld oder Macht sondern für den Nächsten, der in Nöten.
Anständige, achtsame menschen die erkannt haben, was wirklich zählt.
Fahrende Ritter jedweder couleur und Geschlecht.
Menschen, deren Herz nunmal in einem anderen Takt schlägt, als die dröhnende Galeerentrommel der Gier.
Menschen wie Du.
Dafür danke ich Dir, Reisende. danke, dass Du nicht aufegegeben hast. Danke, dass Du den wahren Wert erkennst.
Danke dass Du etwas zurückgibst. Danke, dass Du mir gezeigt hast, dass es doch noch andere gibt.
Danke für deine Geschichte, ich werde sie weitertragen.
So gesprochen und getan
Hrafn Eisengrimm, Skalde der Aett Schnueffelix
 

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