Home / Forum / Psychologie & Persönlichkeit / Das Ende naht.

Das Ende naht.

4. September 2010 um 18:49

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

ich habe mich dazu entschlossen, meine Eindrücke über mein kommendes Ende niederzuschreiben.

Wieso ich das ausgerechnet hier tue? Nun, vielleicht liegt es daran, dass ich mehr als einmal in diesem Forum gelesen, nie jedoch geschrieben habe.

Niemand soll sagen können, das ich etwas verpasst habe
Außerdem habe ich das Gefühl mich mitteilen zu müssen.
Aber: Ich möchte kein Mitleid. Ich schreibe dies nicht, um euer Mitleid zu erheischen, vielmehr um euch möglicherweise einen anderen Betrachtungswinkel zu ermöglichen.

Okay, fangen wir an:

Wer bin ich?
Ich bin 29 Jahre alt, Angestellter, Single. Das sind alle Informationen, die ich über mich herausgeben möchte.

Was ist mit mir?
Ich habe Krebs. Lungenkrebs. Im Endstadium. Okay, was unterscheidet mich vom Rest der ebenfalls von dieser Krankheit heesucht wird? Ich glaube nichts. Und doch alles, denn immerhin betrifft es mich selbst.

Wie oft las, sah oder hörte ich von Menschen die Lungenkrebs hatten oder haben. Wie oft dachte ich... hey... das ist etwas, das dich nicht betrifft. Etwas unwirkliches. Unwichtiges.

Jetzt da ich an der Reihe bin muss ich ganz ehrlich sagen:
Es ist nicht so schlimm wie man glauben würde.
Man hat zwar durchaus die Gewissheit: Ich werde sterben (und das früher als geplant) und ich habe schmerzen (weniger als gedacht, aber immer noch genug) - und doch: Ich freue mich.

Wie kommt das? Liegt es daran, dass ich einen Tumor zuviel abbekommen habe, namentlich im Gehirn oder bin ich einfach nur ein dummer Mensch der sich über das Ende freut?

Erklärungsversuch:
Ich bin nicht gläubig. Kein bißchen. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Ich glaube nicht an Gott. Punkt.
Müsste ich mich vor dem Tod fürchten? Müsste ich denken "Oh nein, wenn ich sterbe ist es vorbei!" Sollte ich? Ich glaube nicht.

Wenn man die Krankheit, also den Krebs ganz nüchtern betrachtet ist sie bzw. er wohl eine undankbarsten Möglichkeiten, aus dem Leben zu treten.
Langwierig, schmerzhaft, voller Leiden. Und doch nur ein weiter Weg zu sterben.
Ich denke oft an all die Millionen und Milliarden Menschen vor mir die ebenfalls gestorben sind. Und ich danke mir oft, wie klein ich im Vergleich bin. Wie gesagt: Krebs ist sicherlich keine schöne Variante zu sterben, und doch bei weitem nicht die schlimmste.

Ob ich mir einrede, dass das ein Trost ist? Möglicherweise. Ein ganz kleines bißchen. Und doch denke ich, dass ich mittlerweile einen gewissen Weitblick entwickle. Ironie des Schicksals das mir das ausgerechnet jetzt passiert.

Ich sehe meinen Tod nicht als das Ende, auch wenn ich das weiter oben geschrieben habe, allerdings wollte ich der geneigten Leserin (oder Leser, je nachdem) nichts vorweg nehmen.
Der Tod ist nur ein weiterer Weg den wir _alle_ gehen müssen. Wann und wie ist dabei fast bedeutungslos. Verglichen mit der Zeit, dem Universum und den Prozessen in unserem Universum das beinahe so unglaublich groß ist, dass es bar jeder Vorstellungskraft existiert ist mein Tod ein sehr geringer Prozess. Unbedeutend, nichtssagend, praktisch ohne Konsequenzen. Nichtmal für mich im übrigen, denn ob ich nun noch 50 Jahre lebe oder nicht spielt beinahe keine Rolle.

Erinnert sich noch irgendjmd an... keine Ahnung... Luise Müller die vielleicht vor 300 Jahren im heiligen Römischen Reich lebte? Nein? Natürlich nicht, weil sie unbedeutend war. Genauso geht es mir. Ich bin unwichtig.

Ich glaube viele Menschen machen... ich nenne es mal so... Fehler, bei einer Krebsdiagnose im Endstadium die Welt um sich herum zusammenbrechen zu lassen, Ich-fixiert zu denken. Glaubt mir, das sollten sie nicht. Es bringt ihnen nichts und es hilft auch nicht. So zumindest meine bisherige Erfahrung.

Vielmehr nutze ich die Zeit, um mein Leben zu überdenken und natürlich zu planen, wie ich die letzten Wochen verbringe.

Bin ich zufrieden mit meinem gelebten Leben?
Ein klares Negativ. Bereue ich es also? Nein. Wieso ist das so?
Jeder Mensch hat Wünsche, Träume, einen Weg den er für sich selbst in seinem Kopf für die mittelfristige und langfristige Zukunft sieht, entwickelt, plant.

Keiner einziger dieser Wünsche ist in Erfüllung gegangen.
Doch nein, ich bin nicht traurig. Ich bin nicht niedergeschmettert oder frustiert jetzt da ich weiß, dass es dem Ende zugeht. Ich bin dankbar.

Dankbar, dass ich diese Welt entdecken, erleben, fühlen und sehen durfte. Dankbar, dass mich meine Mutter auf die Welt gebracht hat, dankbar das ich liebevolle Eltern hatte, dankbar, dass ich keinen Hunger leiden musste, dankbar, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte. Viele Menschen haben das nicht. Viele Menschen haben ein sehr viel schlechteres Leben gehabt, haben es noch oder werden es noch haben. Wie könnte ich also undankbar sein oder gar traurig?

Eigentlich bin ich kein Feigling. Ich habe mich meistens den Dingen gestellt, vor denen man sich fürchtet. Oft war ich unehrlich, unsicher, schludrig, aber ich stellte mich den wirklich unangenehmen Dingen in meinem Leben.

Wieso erzähle ich euch das?
Ich möchte nicht am Krebs sterben. Aber ich werde es, das ist eine unausweichliche Tatsache mit der ich mich bereits abgefunden habe. Dennoch möchte ich nicht am Krebs sterben. Paradox? Nicht im geringsten.

Seit Tagen überlege ich mir schon, wie ich meinen Abgang... sagen wir mal... angenehmer machen kann.
Ja, ich rede über Suizid. Behaltet bitte im Hinterkopf: Ich bin nicht gläubig, das große Schreckgespenst des Fegefeuers bei Selbstmord macht mir keine Angst. Falls es einen Gott gibt, so wird er mich schon verstehen. Und falls nicht, auch gut.

Ich möchte euch jetzt nicht mit den vielen Möglichkeiten langweilen, aber ich denke ich habe bereits die beste und... humanste. Nicht nur für mich sondern auch für meine Familie und meine Freunde.

Sie werden die Chance bekommen, mich noch ein letztes mal als lebenden Menschen, dem es nicht so dreckig geht, dass er im Krankenhaus vor sich dahinvegetiert. Der aufrecht gehen und stehen, Konversation betreiben und lachen kann.

Das ist übrigens mehr als den meisten Menschen zugestanden wird. Viel zu oft kommt es vor, dass Menschen aus dem Leben treten und keine Möglichkeit hatten, sich von ihren Lieben und Freunden zu verabschieden.

Ich freue mich auch darauf. Dem Sterben als solches stehe ich eher gleichgültig gegenüber, auf den Tod freue ich mich.

Ich bin gespannt was danach kommt. Wirklich gespannt.


Nochmals lesen werde ich den Text dort oben nicht, ich möchte nichts verfälschen, schönen oder korrigieren. Es war das, was ich dachte, was ich noch immer denke. Alles andere wäre eine Manipulation der Tatsachen.

Hoffentlich hat euch der Text nicht gelangweilt, es wäre eine Schande wenn es so wäre. Die Welt soll sich nicht an mich als einen Langweiler erinnern

Mit freundlichen Grüßen

FP

Mehr lesen

25. November 2010 um 21:32

Ich zieh den Hut vor Dir
Ich weiß nicht wie ich mit der Diagnose umgehen würde und ich glaube auch net das ich so Stark wie Du sein würde.
Ich bin jetz 22 Jahre alt ud habe seit ich denken kann eine unheimliche Angst vor dem Tod.
Dein Text hat mich zutiefst berührt. Ich weiß net was seit dem du geschrieben hast vielleicht schon passiert ist.
Aber ich weiß das all mein Respekt dir zollt.
Du bist bewundernswert
Danke für deine Worte.

lg Anni

2 LikesGefällt mir Hiflreiche Antwort !

27. November 2010 um 22:48

Ich sage nur
RESPEKT!!!!

Gefällt mir Hiflreiche Antwort !

8. November 2013 um 1:54

Alles Gute !!!
Hallo Joerg,
Hut ab, und ich verstehe Deine Einstellung, obwohl es zuerst schwierig ist. Falls es nicht zu spaet ist, kleiner Tip: Fahr nach Kenia !!! Ich habe das fuer mich fuer diesen Fall (Krebs) schon lange so geplant !!!
Du wirst vielleicht erahnen, was ich meine - das ist ernst gemeint!! Liebe Gruesse, Karin

4 LikesGefällt mir Hiflreiche Antwort !

1. Januar 2014 um 22:46

Menschlichkeit..
Musste gerade weinen als ich diesen text gelesen habe..

4 LikesGefällt mir Hiflreiche Antwort !

Frühere Diskussionen
Lust auf mehr Farbe in deinem Leben?
wallpaper

Das könnte dir auch gefallen