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Coming out, Familie, Warum fühle ich mich so unwohl und bedrängt damit?

22. August 2018 um 23:34 Letzte Antwort: 24. August 2018 um 3:16

Hallo, (sorry, dass es ein etwas längerer Post ist) 
vielleicht hat ja hier der ein oder andere einen guten Rat für mich, wie ich mit der Situation besser lerne umzugehen.
Es ist so, dass mein Outing, zu mindest vor Mutter und Geschwistern kurz und schmerzlos war und von meiner Seite her mit übertriebener Lockerheit überspielt wurde. Ich teilte es mit, als würde ich sagen, dass ich mal eben Milch kaufen gehe. Innerlich fiel es mir allerdings wirklich schwer! So weit war das auch alles kein Problem, aber seit dem ist es so, dass meine Mutter und auch meine Geschwister mit dem Thema so offen umgehen, ich würde fast sagen, auf den Zug aufspringen, was mich irgendwie bedrückt und dafür wiederum schäme ich mich selbst etwas, denn ich weiß, dass sich doch eigentlich so viele Toleranz und Akzeptanz in der Familie wünschen und froh wären, wenn ihr Outing so einfach hingenommen werden würde aber für mich fühlt es sich eher an, als würde ich nicht richtig ernst genommen werden, als hätte ich sie nur getriggert, ein neues Hobby zu finden. Besonders meine etwas jüngere Schwester nutzt die Situation  um wieder etwas interessantes zu finden, in dem sie mich nachahmen kann. Seit je her läuft es so, dass sie mich in allem kopieren muss, haben muss, was ich habe, mich immer übertrumpfen muss und all das, was mich eigentlich individuell macht, nachahmt und dann als ihre eigene einzigartige Persönlichkeit ausgibt. Ich habe das bisher immer wortlos hingenommen, dachte mir, gut, es ist normal, dass etwas jüngere Geschwister den großen nacheifern. Bloß ist es jetzt so, dass sie eine Sexualität imitiert, die sie eigentlich gar nicht hat. Sie ist eines dieser Mädchen, die gerne unwiderstehlich auf Jungs wirken, die keine Gelegenheiten auslassen, zu flirten und das auch gerne mit mehreren gleichzeitig. Oft war sie sogar an meinen männlichen Partnern, welche ich vorstellte, interessiert  was ich natürlich bemerkte aber nie ansprach. Die Art und Weise, wie sie sich Männern gegenüber gibt, ist sehr eindeutig.und seit dem ich nun meinte, dass ich Frauen mag, beginnt sie sich als lesbisch, bi, was auch immer zu identifizieren bzw ihre Persönlichkeit darin zu finden. Ihr Kleidungsstyle musste sich natürlich ganz schnell ändern, Frauen gegenüber ist sie so weit nicht interessiert, sobald sie allerdings weiß, dass eine lesbisch ist, fängt sie auch da an, gefallen zu wollen… Ich merke, dass sie die gleiche Tour, wie immer, fährt und hier ist bei mir einfach eine Grenze. Ich habe nie den Mund auf gemacht, selbst wenn mir etwas auf den Geist ging aber das, was für mich ein sehr großer Teil meines Lebens bedeutet, was für mich selbst eine große Hürde ist, da ich mit dem outing noch nicht mal ganz durch bin, ich mich selbst noch richtig finden muss, dass behandelt sie nun genauso, wie eine blöde Modeerscheinung, wie einen Trend, dem man doch einfach folgen kann. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen und ich bin froh, nicht auf Ablehnung zu stoßen, selbstverständlich, aber was ich mir wünschen würde, wäre Raum für mich selbst, Zeit mich selbst kennenzulernen, zu meiner Sexualität zu stehen, vor mir und vor anderen, ohne dass mir das jemand als „seins“ auf die Nase binden muss und mit Leichtigkeit (da fake) das outing vorgaukelt, welches für mich mein eigener Prozess sein sollte und für mich Realität und keine Phase, kein Trend ist, nichts "cooles", sondern etwas sensibles, was auch irgendwie schwer sein kann… Für mich ist das mein Leben und erfordert oft Mut und Überwindung. 
Ich weiß nicht, ob ich meine Situation und den Grund für meine Frustration deutlich machen könnte. So zusammengefasst klingt es irgendwie albern, das ist mir bewusst … Aber in Wirklichkeit fühlt es sich so absolut nicht albern an. Viel eher fühlt es sich an, als würde mein Wachsen immer wieder unterbunden werden. Kaum finde ich ein bisschen was über mich selbst heraus und versuche es einigen wenigen zuzuflüstern, kommt jemand anderes angetrampelt und brüllt heraus „Schau, das bin ich!“
Eigentlich wollte ich das ignorieren, einfach übermerken aber es funktioniert nicht. Es stört mich und ich wäre interessiert, ob jemand eine solche Situation verstehen kann, vielleicht sogar Rat weiß, wie ich damit umgehen sollte oder einfach an mir arbeiten muss. 

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23. August 2018 um 1:36

Vielen Dank Luna, und ja, natürlich haben sie mir lieb aber dieses Verhalten hat, wie ich zu mindest denke, eher weniger damit zu tun, dass sie mir dadurch Zuneigung und Akzeptanz oder Unterstützung zeigen wollen, was ich an sich ja in einer gewissen Variante schon fände. Viel mehr ist das die typische Art meiner Familie, sich immer auf alles zu stürzen, was sie "besonders" machen könnte oder super tolerant wirken lässt. Sie sprengen damit alle Rahmen und müssen das bei jedem Thema tun, welches in ihr Leben tritt, als könnten sie keine Gelegenheit auslassen, sich irgendeiner Randgruppe anzuklammern. Besonders meinte Schwester scheint es nicht zu ertragen, wenn sich meine Persönlichkeit entfaltet, obwohl das normal sein sollte. Menschen sind nun mal unterschiedlich, haben individuelle Gedanken und Gefühle und Wünsche. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob es einfach dieses typische Nachahmungsverhalten von Geschwistern sein könnte und vielleicht ist das auch so aber ab einem gewissen Punkt wirkte es nur noch, als wolle sie alles haben, was ich habe und das am liebsten hinter meinem Rücken. Ich habe zum Beispiel damals sehr viele Geschichten geschrieben, sie hat sie als die ihren verschickt und wollte dafür das "Lob" einkassieren, sie hat meine Pseudonyme übernommen, selbst meinen richtigen Spitznamen wollte sie sich mal unter ihren Freunden aneignen. Später begann es dann, dass sie ihren Kleidungsstil immer dem meinen anpasste. Ich weiß, dass es albern klingt aber es kann so wichtig sein, auch mal seinen eigenen Bereich zu haben, seiner eigenen Individualität Ausdruck zu verleihen und zu zeigen, das bin ich. Und wenn es jedes Mal nach wenigen Tagen eine Imitation von all dem gibt, was man denkt, was einen ausmachen könnte, dann wird das irgendwann nicht mehr schön. Auf manche Dinge, ist man auch stolz, dass man sie selbst geschaffen hat, dass sie kein zweiter genauso hat. Mittlerweile stehe ich da drüber aber als ich selbst noch sehr jung war, war es wirklich doof. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich mir sehnlichst einen neuen Schulranzen gewünscht habe... Meine Schwester hatte nicht lange vorher einen bekommen aber ich hatte meinen nun schon einige Jahre. Wie lange musste ich warten, bis mir der Wunsch erfüllt wurde und ich habe damals sehr lange in Katalogen gesucht, bis mir einer richtig gefallen hat und von dem ich wusste, dass ihn eben nicht jeder, in unserer Schule vielleicht sogar keiner, hat. Ich war so stolz darauf und voller Vorfreude... Und als das Paket an kam, war zwei mal der gleiche darin... Der Grund war, dass meine Schwester, die mitbekam, welcher mir nun gefiel, noch bevor ich meinen Eltern sagen konnte, für welchen ich mich entschieden hatte, zu ihnen rannte und gejammert hat, dass sie den unbedingt haben will und ihn sich selbst rausgesucht hätte! Also liefen wir zu zweit damit rum. Für ein Kind ist sowas schlimm. Und dieses Verhalten hat sie bis heute nicht abgelegt. Es gibt kaum etwas in meinem Kleiderschrank oder meiner Wohnung, was sie nicht ebenfalls in der selben oder ähnlichen Version besitzt. Hintenrum versucht sie mit all meinen Freunden in Kontakt zu treten, leugnet es aber vor mir bzw sagt, die hätten sie angeschrieben, was aber nicht stimmt, zu meinen Partnern hat sie jedes Mal eine heimliche Verliebtheit geführt, meine Hobbys hat sie sich der Reihe nach versucht anzueignen und ich spüre noch heute ihren unterschwelligen Ärger, wenn ich etwas besser kann, während ich selbst ihr aber alles, was sie gut kann oder was ihr an Glück widerfährt, von Herzen gönne... Ich weiß also nicht, ob das dieses typische Geschwisterding nicht schon irgendwo übersteigt?!
 🤔
Ich habe nie etwas gesagt und wusste auch jetzt nicht, wie ich das tun sollte. Zum einen weiß ich, dass sie alles von vorne bis hinten leugnen würde, vllt weil es auch peinlich wäre und zum zweiten möchte ich sie nicht verletzen. Es ist bloß so, dass das, was mir wirklich auf die Kette geht, ist, dass sie selbst meinen Kummer und meine Sorgen für so besonders hält, dass sie selbst diese nachahmen muss und das geht, wie ich finde, eben zu weit. Meine Krisen, die ich versuche nicht in alle Welt zu tragen, die Posaune sie als ihre eigenen raus und versucht, damit Aufmerksamkeit zu bekommen. So auch jetzt mit dem Thema. Für mich, wie auch sicher viele andere, ist das Outing ein großer Schritt im Leben. Die einen kommen damit besser, andere schlechter zu recht aber es ist sicher für niemanden unwichtig. Es kann das Leben sehr verändern und eigentlich sollte jeder selbst entscheiden können, wie er damit umgehen will, ab wann er sich offen fühlt, wann er dazu stehen möchte und wenn man den Mut hat, dazu vollstens zu stehen, kann man darauf vllt stolz sein. Dieses Stolzsein versucht sie mir vorwegzunehmen, in dem sie eine geoutete Person mimt. Und dass bei jemandem, dessen Leben wirklich betroffen ist, auch große Ängste und viel Kummer damit einhergehen kann, daß beachtet sie dabei gar nicht. Und nein, so groß ist der Unterschied nicht. Ich bin 28 und sie ist 25.

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24. August 2018 um 3:16

Vielen Dank liebe Luna, ich werde mir deine Ratschläge zu Herzen nehmen. Vor allem bin ich auch froh, dass man hier die Dinge auch mal aus meiner Sicht zu sehen scheint und wenigstens versucht nachzuvollziehen, wie ich mich manchmal damit fühle und obwohl es für Außenstehende meistens wie eine alberne Kleinigkeit klingt, wie viel das in mir selbst auslöst und wie unwohl ich mich damit fühle. Als bestes Beispiel dient vielleicht diese typische Situation mit dem Nachäffen, wo Kinder nie wissen, wann wieder gut ist... Am Anfang ist es lustig, man nimmt es locker und lächelt darüber.. Irgendwann wird es nervig und wenn jemand dann nicht mehr aufhört, sondern einen immer weiter nachäfft, vielleicht sogar über Stunden, weil er die Grenze nicht mehr erkennt, damit weder Rücksicht, noch Respekt dem Wohlbefinden des anderen gegenüber zeigt, dann fällt es schwer, auf Durchzug zu schalten, weil es so an den Nerven zerrt und einen ärgert. 

Ich weiß zwar nicht wie aber ich werde mit ihnen reden und schauen, dass ich meinen Standpunkt klar grnug mache, um künftig alles geschenkt bekkmem


Übrigens, auch an Maria, ich wohne nicht direkt Zuhause. Ich studiere momentan. In der gleichen Stadt aber unter der Woche bin ich in einer Campus WG. Wir sehen uns also maximal mal am Wochenende oder mal unterwegs. 

Danke euch!  

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