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Borderline als Entschuldigung?

26. September 2010 um 14:39

Bei meiner Schwester wurde vor einigen Jahren Borderline diagnostiziert. Seit der Diagnose geht es steil bergab mit ihr. Vor der Diagnose war sie eigentlich ein normaler Teenager, mit Depressionen ab und an, wie sie jeder hat. Und sehr viel Streit mit den Eltern und Geschwistern hatte sie auch. Wie auch viele andere Teenies. Nachdem sie sich dann aber in eine Klinik einweisen liess, ging es erst richtig los. Sie hat sich geritzt und dort auch mehrere Male versucht, sich richtig die Pulsadern aufzuschneiden. Allerdings immer so, das es Leute mitbekommen und sie gerade noch 'gerettet' werden konnte. Sie hat sich den Schädel kahlrasiert und öfters zu hohe Medikamente eingenommen. Irgendwann wurde sie entlassen. Anfangs war alles wieder supi. Aber dann kam es zum Alltag und zu Streitereien mit ihr, sie sagte oft zu uns, wir würden ja keine Rücksicht auf sie nehmen, sie überfordern, usw. Jeder Job den sie angefangen hat, wurde schnell wieder abgebrochen. Ist zu anstrengend, morgens aufzustehen. Oder der Chef/die Kollegen waren gemein zu ihr... Sie bekam eine Zeitlang Hartz IV, nur die Leistungen wurden ihr gestrichen, da sie sich weigerte, bestimmte Maßnahmen mitzumachen.

Bedeutet Borderline, dass der gesunde Menschenverstand / der eigenverantworliche Handeln eingeschränkt ist? Wenn wir versuchen auf sie einzureden, zur Arbeit zu gehen, zu den Maßnahmen zu gehen,.... dann bekommen wir immer das gleich zu höhren:'Ihr versteht das alles nicht, lasst mich allein' Und sie rennt heulend weg !?!

Bedeutet Borderline, dass man keine Lust hat, sich an Regeln zu halten?

Mir kommt es vor, als wenn sie ihre Diagnose als eine Entschuldigung benutzt, um sich ein schönes Leben zu machen. Die Leute die davon erfahren, schenken ihr Mitleid. Das ist toll für sie, plötzlich soviel Aufmerksamkeit. Die aber natürlich auch nachlässt, wenn der Alltag immer mehr einkehrt. Dann muss mal wieder ein 'Anfall' oder ähnliches her, um wieder frische Aufmerksamkeit zu bekommen. Dabei könnte sie durch berufliche Erfolge viel eher zu aufrichtigem Ansehen kommen. Aber geht ja nicht, Arbeit ist zu anstrengend....

Ich habe mich bestimmt bei einigen Leuten mit diesem Beitrag sehr unbeliebt gemacht. Aber warum kann ein Borderliner sich nicht zusammenreissen? Der Körper funktioniert, und Entscheidungen können Sie auch treffen.



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27. September 2010 um 16:19

Du hast schon Recht
Ich habe zwar kein wirkliches Borderline, aber eine emotionale instabilität. Was deine Schwester hat ist der Trotzkopf (das Kind) in ihr, das genau wie du sagst nach aufmerksamkeit schreit, und weil es sich selber zu Wertlos ist, sich für minderwertig hält, hofft sie wenigstens durch Ausraster die Aufmerksamkeit zu bekommen. Durch einen beruf meitn sie es nicht zu schaffen. Ausserdem durch ihr ganzes vorangegangenes Verhalten meint sie Krank sein zu müssen, als wenn sie kein Recht darauf mehr hat Gesund zu sein, weil es ihr einziger Sichtbarer Weg ist Aufmerksamkeit zu bekommen.Hoffe das kann man ein bisschen verstehen. Will hier nicht für deine Schwester schonwieder Mitleid erheischen, vieleicht einfach eine kleine Erklärung geben, denn du möchtest es ja verstehen. Wirklich verstehen können es aber nur Menschen die solche oder ähnliche Probleme auch haben. Die psyche ist halt leider nichts greifbares, wie ein gebrochener Arm, oder Krebs, oder eine Blinddarm Entfernung, deshalb haben alle die es betrift Angst davor. Der Patient und mit der Zeit das gesamte Umfeld.

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28. September 2010 um 11:46

EINGESCHRÄNKTE SCHULDFÄHIGKEIT
Hallo nelly,

bei Borderline Kranken kann die ( auch strafrechtliche ) Schuldfähigkeit tatsächlich erheblich eingeschränkt oder u.U. auch gänzlich aufgehoben sein. Das hängt im Einzelfall natürlich vom Schweregrad der Erkrankung ab.Es ist auch vorstellbar, dass deine Schwester überhaupt nicht arbeitsfähig ist. Letztlich entscheiden kann dies nur der behandelnde Arzt.

Der Umgang mit Borderline Kranken kann für Angehörige äußerst belastend und schwierig sein.Vielleicht gibt es aber in deiner näheren Umgebung eine Selbsthilfegruppe für Angehörige?

LG Nus

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29. September 2010 um 0:33

Danke
für deinen Beitrag. Und schön, dass du einen Weg aus den Depressionen gefunden hast. Ich glaube das ist bei vielen nämlich das Problem. Sie sagen sich, ich bin ja krank, ich kann ja gar nicht anders als depressiv zu sein. Und anstatt dann mal nach Ablenkung zu suchen, wird sich im Zimmer eingeschlossen, und noch weiter melancholiert.

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30. September 2010 um 15:20
In Antwort auf noora_12914071

Du hast schon Recht
Ich habe zwar kein wirkliches Borderline, aber eine emotionale instabilität. Was deine Schwester hat ist der Trotzkopf (das Kind) in ihr, das genau wie du sagst nach aufmerksamkeit schreit, und weil es sich selber zu Wertlos ist, sich für minderwertig hält, hofft sie wenigstens durch Ausraster die Aufmerksamkeit zu bekommen. Durch einen beruf meitn sie es nicht zu schaffen. Ausserdem durch ihr ganzes vorangegangenes Verhalten meint sie Krank sein zu müssen, als wenn sie kein Recht darauf mehr hat Gesund zu sein, weil es ihr einziger Sichtbarer Weg ist Aufmerksamkeit zu bekommen.Hoffe das kann man ein bisschen verstehen. Will hier nicht für deine Schwester schonwieder Mitleid erheischen, vieleicht einfach eine kleine Erklärung geben, denn du möchtest es ja verstehen. Wirklich verstehen können es aber nur Menschen die solche oder ähnliche Probleme auch haben. Die psyche ist halt leider nichts greifbares, wie ein gebrochener Arm, oder Krebs, oder eine Blinddarm Entfernung, deshalb haben alle die es betrift Angst davor. Der Patient und mit der Zeit das gesamte Umfeld.

Die Krankheit ist eine große Belastung
Borderliner erleben die Welt als äußerst grausam, weil sie so verletzlich sind und sie ihre Gefühle so intensiv erleben.

Es tritt im Jugendalter auf, findet mit 27 seine Spitze (siehe die Selbstmordrate mit 27) und schwächt sich mit 30 etwas ab, mit 40 ist es dann noch schwächer. Selten bleibt Borderline bis in das hohe Alter bestehen.

Wenn deine Schwester gerade im Alter der Hochphase ist, gerät sie aus dem Ruder.
Wichtig wäre etwas mehr Abstand zur Familie und einen guten Therapeuten/ Therapeutin, die DBT anbietet. Diese Therapieform hilft der Betroffenen, sich emotional zu stabilisieren.

Leider sind die meisten Bordeliner aufgrund der Ausgrenzung, der Vernachlässigung und der Grenzüberschreitungen, die passiert sind nicht in der Lage, eine eigene Familie zu gründen und eine angemessene berufliche Entwicklung hinzulegen.
Das ist einfach so.
Wenn frühzeitig Hilfe in Anspruch genommen wird, können sie ihr Leben eventuell noch in gesicherte Bahnen lenken.

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.

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16. April 2013 um 16:21

Wie wäre es mit Akzeptanz?
Hallo,

ich leide selbst an Borderline und kann eins sagen, Arbeiten wurde für mich zu Qual! Ich habe früher dort gerne gearbeit, kam mit den Menschen klar, seit November letzten Jahres geht gar nichts mehr! Ich habe mich bis Februar diesen Jahres regelrecht zur Arbeit gequält, war sehr oft krank durch Fieber und Erkältung, bis ich Ende Februar einen Zusammenbruch hatte. Borderline ist nicht gleich Borderline! Deine Schwester sollte eine vernünftige Therapie bekommen! Ich weiß für mich, dass ich in diesem Beruf nie mehr arbeiten werde, weil ich einfach nicht mit den vielen Menschen dort klarkomme! Ich habe eine regelrecht Phobie gegen Menschen entwickelt dadurch.

Es ist immer leicht zu sagen, man soll sich zusammenreißen. Du, als nicht Betroffener kannst nicht verstehen wie deine Schwester sich wahrscheinlich sehr oft fühlt. Also urteile nicht so darüber, sondern versuch zu akzeptieren, dass sie professionelle betreut werden muss um etwas für sich zu finden, womit sie klarkommt. Eins noch, der Körper mag vllt funktionieren, aber glaubst du wirklich sie kann in starken phasen bewusst Entscheidungen treffen? Eher nicht, dafür spricht schon ihr Affektverhalten. Hört auf sie zu beeinflussen, sondern unterstützt sie lieber eine vernünftige Therapie zu machen damit es ihr irgendwann besser geht. Sorry, aber du solltest dir lieber um das Wohlbefinden deiner Schwester Gedanken machen, als darum das sie arbeiten geht. Ich kann sie verstehen, warum sie wegrennt. Würde ich bei so was auch...denn Verständnis und Akzeptanz sind der erste Schritt.

Viel Erfolg

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30. April 2013 um 11:31


also ich bin Borderliner(in), Hass und Liebe waren bei mir noch nie verknüpft.

Wir haben fast alle Probleme mit (zwischenmenschlicher) Distanz und / oder Nähe, das ist wahrscheinlich, das, was Du meinst. Dass bei Borderlinern "Hass und Liebe direkt miteinander verknüpft" sind, habe ich noch nie erlebt / gehört / bemerkt - abgesehen von mir kenne ich runde 30 Borderliner und beschäftige mich seit 7 Jahren (zwangsläufig) intensiv mit dem, was die Psychologie so zu dem Thema bringt.

Wenn Borderliner ihr Leben nicht in den Griff bekommen, gibt es viele mögliche Ursachen.
Die wahrscheinlichste ist nicht unser emotionales Umfeld, es ist die fehlende Kontrolle über unsere Emotionen. Die wird ggf. durch ein emotionales Umfeld verstärkt, aber das ist bestenfalls Auslöser, nicht Ursache.

Antwort auf TE kann ich mir angesichts des Alters des Threads wohl schenken

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30. April 2013 um 12:11
In Antwort auf glenda_12765896

Wie wäre es mit Akzeptanz?
Hallo,

ich leide selbst an Borderline und kann eins sagen, Arbeiten wurde für mich zu Qual! Ich habe früher dort gerne gearbeit, kam mit den Menschen klar, seit November letzten Jahres geht gar nichts mehr! Ich habe mich bis Februar diesen Jahres regelrecht zur Arbeit gequält, war sehr oft krank durch Fieber und Erkältung, bis ich Ende Februar einen Zusammenbruch hatte. Borderline ist nicht gleich Borderline! Deine Schwester sollte eine vernünftige Therapie bekommen! Ich weiß für mich, dass ich in diesem Beruf nie mehr arbeiten werde, weil ich einfach nicht mit den vielen Menschen dort klarkomme! Ich habe eine regelrecht Phobie gegen Menschen entwickelt dadurch.

Es ist immer leicht zu sagen, man soll sich zusammenreißen. Du, als nicht Betroffener kannst nicht verstehen wie deine Schwester sich wahrscheinlich sehr oft fühlt. Also urteile nicht so darüber, sondern versuch zu akzeptieren, dass sie professionelle betreut werden muss um etwas für sich zu finden, womit sie klarkommt. Eins noch, der Körper mag vllt funktionieren, aber glaubst du wirklich sie kann in starken phasen bewusst Entscheidungen treffen? Eher nicht, dafür spricht schon ihr Affektverhalten. Hört auf sie zu beeinflussen, sondern unterstützt sie lieber eine vernünftige Therapie zu machen damit es ihr irgendwann besser geht. Sorry, aber du solltest dir lieber um das Wohlbefinden deiner Schwester Gedanken machen, als darum das sie arbeiten geht. Ich kann sie verstehen, warum sie wegrennt. Würde ich bei so was auch...denn Verständnis und Akzeptanz sind der erste Schritt.

Viel Erfolg

Es ist nicht von ungefähr so,
dass bei Borderline eine 30%ige Schwerbehinderung anerkannt wird.

Die amtliche / behördliche Anerkennung und Bestätigung, dass man es um 1/3 schwerer hat in Job und Alltag als "Normale" gibt es nicht aus dem Kaugummiautomaten, nicht aus dem Happy Meal und auch nicht für "Ausreden".

Ich arbeite schon einige Jahre Vollzeit und "ganz normal" - aber ich habe einen Job, bei dem das geht, eine Firma, bei der das geht - und einen Weg gefunden, mit Borderline ein Leben zu führen, was mich (und die Menschen in meiner Umgebung) nicht länger mehr kostet, als es bringt.

Ich hatte 3 völlige Zusammenbrüche, nachdem ich angefangen habe zu arbeiten, bis ich gelernt habe, zurechtzukommen und nicht mehr Spielball meiner Gefühle zu sein, war ich ständig krank und unbeschreiblich erschöpft - emotional wie körperlich. Krankenhausaufenthalte, der längste 9 Monate (am Stück...) - die gibt es auch nicht für "Ausreden" und insgesamt 5 Therapien, die jedoch - um der Wahrheit die Ehre zu geben - alle 5 für die Katz waren, 2 haben sogar alles schlimmer gemacht.

Es können viele nicht nachvollziehen, dass etwas, woran sie kein Problem entdecken können, für andere unmöglich sein kann - da kann man wenig dagegen machen.

Wenn wir mal ganz ehrlich sind: wenn wir (weitestgehend) Kontrolle über unsere Gefühle haben, wird nicht jeder mit uns klar kommen - und wir nicht mit jedem. So lange wir keine Kontrolle haben, sind wir nahezu nicht gesellschaftsfähig. Für Angehörige im besten Falle schwierig, zumal sie es in der Regel gar nicht verstehen *können*.
Nur der Schluss, dass wir freiwillig so leben, oder so leben wollen oder nichts ändern wollen - etwas, was jedem von uns immer wieder begegnet. Aber da wünschte ich mir manches mal, ich könnte sie mal 10 Tage mein Leben führen lassen. 10 Tage, in denen sie erleben, was ich erlebe, fühlen, was ich fühle, spüren, was ich spüre. Ich würde *jede* Wette annehmen, dass derjenige das danach niemals wieder sagt. Aber so: sie können es nicht wissen, sie können es nicht verstehen, den meisten ist es noch nicht einmal erklärbar.

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