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Beziehungsunfähigkeit der Menschen aus Philosophischer Sicht

1. Oktober 2013 um 1:54

Hallo, ich habe einen gehaltvollen Text von Herbert Marcuse gefunden und ihn bis jetzt nur zu 50% verstanden, dort erklärt er die beziehungsunfähigkeiten der Menschen unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse.

Wie versteht ihr seine Aussage?

(Er spricht in der Einleitung über den Hedonismus) dann heißt es weiter:

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Dieser Hedonismus differenziert nicht nur nicht zwi-schen den einzelnen Lüsten, sondern auch nicht zwi-schen den Individuen, die sie genießen. So wie sie sind,sollen sie sich befriedigen, und so wie die Welt ist, sollsie zum Gegenstand möglichen Genusses werden. Inder Verweisung des Glücks an die unmittelbare Hinga-be und den unmittelbaren Genuß folgt der HedonismusSachverhalten, die in der Struktur der antagonistischenGesellschaft selbst liegen und erst von ihrer ent-wickelten Form aus deutlich werden.In dieser Form der Gesellschaft kann die Welt, wie sieist, zum Gegenstand des Genusses nur werden, wennalles in ihr, Menschen und Dinge, so hingenommenwerden, wie sie erscheinen, ohne daß ihr Wesen: ihreMöglichkeiten, wie sie sich auf Grund des erreichtenStandes der Produktivkräfte und der Erkenntnis als diehöchsten erweisen, dem Genießenden gegenwärtigwerden. Denn da der Lebensprozeß nicht durch diewahren Interessen der ihr Dasein in der Auseinander-setzung mit der Natur solidarisch gestaltenden Indivi-duen bestimmt ist, sind diese Möglichkeiten in den ent-

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scheidenden gesellschaftlichen Beziehungen nicht ver-wirklicht: sie können nur als verlorene, verkümmerteund verdrängte bewußt werden. Jedes über die Unmit-telbarkeit hinausgehende Verhältnis zu Menschen undDingen, jedes tiefere Verständnis würde sofort auf de-ren Wesen stoßen: auf das, was sie sein könnten undnicht sind, und dann an der Erscheinung leiden. Sie trittins Licht der nicht verwirklichten Möglichkeiten und istnicht mehr so sehr ein schöner Augenblick unter ande-ren, als ein Vergehendes, das unwiederbringlich verlo-ren wird. Fehler und Häßlichkeiten an den Gegenstän-den des Genusses sind nun mit der allgemeinen Häß-lichkeit und dem allgemeinen Unglück belastet, wäh-rend sie in der Unmittelbarkeit selbst zur Lustquellewerden konnten. Die Zufälligkeit in den Beziehungenzu Menschen und Dingen und die mit ihr gegebenenHindernisse, Verluste, Verzichte werden zum Ausdruckder Anarchie und Ungerechtigkeit des Ganzen: einerGesellschaft, in der auch noch die persönlichsten Ver-hältnisse durch das ökonomische Wertgesetz bestimmtwerden.In ihr sind alle über die unmittelbare Begegnung hi-nausgehenden Beziehungen der Menschen nicht vomGlück getragen. Schon gar nicht die Beziehungen imArbeitsprozeß, der nicht im Hinblick auf die Bedürfnis-se und Fähigkeiten der Individuen, sondern auf die Ka-pitalverwertung und Warenproduktion geregelt ist. Diemenschlichen Verhältnisse sind Klassenverhältnisse,und ihre typische Form ist der freie Arbeitsvertrag. Von

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der Sphäre der Produktion aus hat sich dieser Vertrags-charakter menschlicher Beziehungen über das ganzegesellschaftliche Leben ausgebreitet: sie funktionierennur in ihrer verdinglichten Gestalt, als vermittelt durchklassenmäßig verteilte sachliche Leistungen der Part-ner. Würde in ihnen je die Sachlichkeit durchbrochen:nicht nur als jene leutselige Herzlichkeit, welche dengegenseitigen sachlichen Abstand erst recht vor Augenführt, sondern in solidarischer, gegenseitiger Sorge, sowäre ein Zurücktreten der Menschen in ihre normalesoziale Funktion und Stellung unmöglich; das Ver-tragswerk wäre gebrochen, auf dem diese Gesellschaftberuht.Der Vertrag umspannt jedoch nicht alle zwischen-menschlichen Verhältnisse. Die Gesellschaft hat eineganze Dimension von Beziehungen freigegeben, derenWert gerade in ihrer Nicht-Bestimmtheit durch vertrag-liche Leistungen und sachliche Dienste bestehen soll:Beziehungen, in denen die Individuen als Personenzueinander stehen und in denen sie ihre Persönlichkeitverwirklichen sollen. Liebe, Freundschaft, Kame-radschaft gehören zu solchen personalen Verhältnissen,in welche die abendländische Kultur das höchste irdi-sche Glück der Menschen verwiesen hat. Aber sie kön-nen, gerade wenn sie wirklich das sind, was sie seinwollen, das Glück nicht beherbergen. Sollen sie einewesentliche, dauernde Gemeinschaft zwischen den In-dividuen garantieren, so müssen sie von dem begreifen-den Verstehen des anderen getragen sein: sie müssen

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die kompromißlose Erkenntnis enthalten. Solcher Er-kenntnis zeigt sich der andere nicht bloß in der unge-brochenen Unmittelbarkeit der sinnlichen Erscheinung,die als schöne begehrt und genossen werden kann, enügen am Schein, sondern in seinem Wesen: wie erin Wahrheit ist. So aber enthält sein Bild das Häßliche,Ungerechte, Unbeständige, Verkümmerte und Vergäng-liche - nicht als subjektive Eigenschaften, die durchverstehendes Bemühen überwunden werden könnten,vielmehr als das Hineinragen gesellschaftlicher Not-wendigkeiten in jene personalen Sphären, als Notwen-digkeiten, welche schon die Triebe, Bedürfnisse undInteressen der Person in dieser Gesellschaft konstituie-ren. Eben das Wesen der Person findet Ausdruck in denVerhaltensweisen, auf die der andere (oder die Personselbst) in Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer reagiert. Diese Gefühle habendurch die Kultur die Verklärung zu tragischer "Weiheerfahren; in der Tat durchbrechen sie schon die Ver-dinglichung. In dem Verhalten, auf das sie antworten,will sich das Individuum freigeben gegen eine Situati-on, deren gesellschaftlichem Gesetz es bisher gehorchthat: sei es die Ehe oder der Beruf oder irgendeine ande-re Verpflichtung, in der es die Moralität akzeptiert hat.Es will zu seiner Leidenschaft stehen. Die Leidenschaftaber ist in einer Ordnung der Unfreiheit zutiefst unor-dentlich und daher unsittlich; sie führt ins Unglück,wenn sie nicht auf allgemein erwünschte Ziele ab-gelenkt wird.



Mag jemand mir Seite 182 ff. erklären? "Solcher Er-kenntnis zeigt sich der andere nicht bloß in der unge-brochenen Unmittelbarkeit der sinnlichen Erscheinung,....."



Quelle: Kultur und Gesellschaft I, Herbert Marcuse, Seite 179-182

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1. Oktober 2013 um 2:28

So wie ich das verstehe:
Funktionale menschliche Beziehungen (freundschaft Liebe) erfordert eine komromisslose Erkenntnis des anderen.

Erkenntnis nicht nur des Schönen Scheins, der zum Gegenstand des Genusses wird, sondern auch Erkenntnis des Wesen des Menschen, welches auch das Häßliche,Ungerechte, Unbeständige, Verkümmerte und Vergäng-liche beinhaltet, nicht als subjektive Eigenschaften, sondern [.....]

weiter sagt er: Eben das Wesen der Person findet Ausdruck in denVerhaltensweisen, auf die der andere (oder die Personselbst) in Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer reagiert.

Soll heißen: Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer entstehen aufgrund der Verhaltensweisen des anderen bzw. der Person selbst.

dann sagt er "Diese Gefühle habendurch die Kultur die Verklärung zu tragischer "Weiheerfahren; in der Tat durchbrechen sie schon die Ver-dinglichung." für mich unklar bitte Erklären (Verdinglichung = Entfremdung)

Weiter sagt er: "In dem Verhalten, auf das sie antworten,will sich das Individuum freigeben gegen eine Situati-on, deren gesellschaftlichem Gesetz es bisher gehorchthat: sei es die Ehe oder der Beruf [...]"

Also will sich das Individuum befreien, von Moral das es in Beruf und Ehe stets befolgt hat ? und das findet ausdruck in den oben beschriebenen Gefühlen ?

Marcuse schlussfolgert: "Es will zu seiner Leidenschaft stehen. Die Leidenschaftaber ist in einer Ordnung der Unfreiheit zutiefst unor-dentlich und daher unsittlich; sie führt ins Unglück,wenn sie nicht auf allgemein erwünschte Ziele ab-gelenkt wird."

- nicht 100% verständlich

.....

Seite 183

"Nicht nur von dieser Seite sind die personalen Verhält-nisse mit dem Schmerz und dem Unglück verbunden."

Die Entwicklung der Persönlichkeit meint auch dieEntwicklung der Erkenntnis: Einsicht in die Zusam-menhänge der Wirklichkeit, in der man lebt. So wie sieaussehen, muß jeder Schritt, durch den sich das Indivi-duum von der unmittelbaren Hingabe an die Erschei-nung und von der bereitwilligen Aufnahme der ihr We-sen verhüllenden Ideologie entfernt, das geboteneGlück ihm zerstören. Sein der Einsicht wirklich folgen-des Handeln führt entweder zum Kampf gegen das Be-stehende oder zur Entsagung. Die Erkenntnis verhilftihm nicht zum Glück, und ohne sie fällt die Personwieder in die verdinglichten Beziehungen zurück. Es istein unausweichliches Dilemma. Genuß und Wahrheit,Glück und die wesentlichen Beziehungen der Individu-en fallen auseinander.Indem der konsequente Hedonismus dieses Auseinan-derfallen nicht verhüllt hat, hat er eine fortschrittlicheFunktion erfüllt. Er hat den Menschen nicht vorge-macht, daß in der anarchischen Gesellschaft das Glückin der entfalteten, auf der Höhe der Kultur stehenden,harmonischen Persönlichkeit zu finden sei. Der He-donismus ist unbrauchbar zur Ideologie, und er läßt sichin keiner Weise zur Rechtfertigung einer Ordnung ver-wenden, die mit der Unterdrückung der Freiheit und mitder Opferung des Individuums verbunden ist. Dazumuß er erst moralisch verinnerlicht oder utilitaristischumgedeutet werden.

Bitte den Satz erklären

"So wie sieaussehen, muß jeder Schritt, durch den sich das Indivi-duum von der unmittelbaren Hingabe an die Erschei-nung und von der bereitwilligen Aufnahme der ihr We-sen verhüllenden Ideologie entfernt, das geboteneGlück ihm zerstören."



Danke erstmal !



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1. Oktober 2013 um 12:14

Naja
"Auch der Versuch besonders intelligent zu wirken, obwohl es sich eigentlich um einen vergleichsweise einfachen Sachverhalt handelt, weckt bei mir den Eindruck dass hier jemand versucht andere von seiner Sichtweise zu überzeugen, und nicht wirklich das Vermitteln von Erkenntnissen oder Wissen zum Ziel hat."

Es gibt einige Interviews und VOrträge von Marcuse, diese sind leicht verständlich, das Problem ist dass Marcuse sich auf Hegel bezieht und Hegel ist nun absolut schwer zu verstehen, darüber hinaus ist der Text aus einem Buch mit Essays über Philosophie, und ist an das Fachpublikum gerichtet, an Studenten der Philosophie oder Sozialwissenschaflter, Psychologen oder Soziologen.

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1. Oktober 2013 um 12:43

Kann man die Aussage
der Verdinglichung an einem Beispiel festmachen?

Marcuse sagt, es Bedarf einer Erkennnis, die nicht nur das Schöne den Schein erkennt sondern das Wesen...

dann sagt er: "So aber enthält sein Bild das Häßliche,Ungerechte, Unbeständige, Verkümmerte und Vergäng-liche - nicht als subjektive Eigenschaften, die durchverstehendes Bemühen überwunden werden könnten,vielmehr als das Hineinragen gesellschaftlicher Not-wendigkeiten in jene personalen Sphären, als Notwen-digkeiten, welche schon die Triebe, Bedürfnisse undInteressen der Person in dieser Gesellschaft konstituie-ren. Eben das Wesen der Person findet Ausdruck in denVerhaltensweisen, auf die der andere (oder die Personselbst) in Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer reagiert. Diese Gefühle habendurch die Kultur die Verklärung zu tragischer "Weiheerfahren; in der Tat durchbrechen sie schon die Ver-dinglichung. "

Warum reagiert der andere auf den Menschen mit Emotionen wie: Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer.

Marcuse meint dass es die Verhaltensweisen die diese Emotionen erzeugen durch einen kausalen Zusammenhang mit der Gesellschaft stehen, in der das Individuum lebt, als "das Hineinragen gesellschaftlicher Not-wendigkeiten in jene personalen Sphären, [...], welche schon die Triebe, Bedürfnisse undInteressen der Person in dieser Gesellschaft konstituie-ren."

Im Hinblick auf den Hedonismus, der Dinge und Menschen zum Objekt des genusses machen will sagt Marcuse:

".In dieser Form der Gesellschaft kann die Welt, wie sieist, zum Gegenstand des Genusses nur werden, wennalles in ihr, Menschen und Dinge, so hingenommenwerden, wie sie erscheinen, ohne daß ihr Wesen: ihreMöglichkeiten, wie sie sich auf Grund des erreichtenStandes der Produktivkräfte und der Erkenntnis als diehöchsten erweisen, dem Genießenden gegenwärtigwerden."

Daraus leitet Marucse ab "Denn da der Lebensprozeß nicht durch diewahren Interessen der ihr Dasein in der Auseinandersetzung mit der Natur solidarisch gestaltenden Indivi-duen bestimmt ist, sind diese Möglichkeiten in den entscheidenden gesellschaftlichen Beziehungen nicht verwirklicht: sie können nur als verlorene, verkümmerte und verdrängte bewußt werden." S179-180

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1. Oktober 2013 um 12:45
In Antwort auf maddogx29

Kann man die Aussage
der Verdinglichung an einem Beispiel festmachen?

Marcuse sagt, es Bedarf einer Erkennnis, die nicht nur das Schöne den Schein erkennt sondern das Wesen...

dann sagt er: "So aber enthält sein Bild das Häßliche,Ungerechte, Unbeständige, Verkümmerte und Vergäng-liche - nicht als subjektive Eigenschaften, die durchverstehendes Bemühen überwunden werden könnten,vielmehr als das Hineinragen gesellschaftlicher Not-wendigkeiten in jene personalen Sphären, als Notwen-digkeiten, welche schon die Triebe, Bedürfnisse undInteressen der Person in dieser Gesellschaft konstituie-ren. Eben das Wesen der Person findet Ausdruck in denVerhaltensweisen, auf die der andere (oder die Personselbst) in Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer reagiert. Diese Gefühle habendurch die Kultur die Verklärung zu tragischer "Weiheerfahren; in der Tat durchbrechen sie schon die Ver-dinglichung. "

Warum reagiert der andere auf den Menschen mit Emotionen wie: Enttäuschung, Sorge, Mitleid, Angst, Untreue,Eifersucht und Trauer.

Marcuse meint dass es die Verhaltensweisen die diese Emotionen erzeugen durch einen kausalen Zusammenhang mit der Gesellschaft stehen, in der das Individuum lebt, als "das Hineinragen gesellschaftlicher Not-wendigkeiten in jene personalen Sphären, [...], welche schon die Triebe, Bedürfnisse undInteressen der Person in dieser Gesellschaft konstituie-ren."

Im Hinblick auf den Hedonismus, der Dinge und Menschen zum Objekt des genusses machen will sagt Marcuse:

".In dieser Form der Gesellschaft kann die Welt, wie sieist, zum Gegenstand des Genusses nur werden, wennalles in ihr, Menschen und Dinge, so hingenommenwerden, wie sie erscheinen, ohne daß ihr Wesen: ihreMöglichkeiten, wie sie sich auf Grund des erreichtenStandes der Produktivkräfte und der Erkenntnis als diehöchsten erweisen, dem Genießenden gegenwärtigwerden."

Daraus leitet Marucse ab "Denn da der Lebensprozeß nicht durch diewahren Interessen der ihr Dasein in der Auseinandersetzung mit der Natur solidarisch gestaltenden Indivi-duen bestimmt ist, sind diese Möglichkeiten in den entscheidenden gesellschaftlichen Beziehungen nicht verwirklicht: sie können nur als verlorene, verkümmerte und verdrängte bewußt werden." S179-180

Was wären die wahren Interessen
wenn man den letzten Absatz in Betracht zieht und sich frage, was die wahren Interessen des Menschen wären, weil M. von "Denn da der Lebensprozeß nicht durch diewahren Interessen der ihr Dasein in der Auseinandersetzung mit der Natur solidarisch gestaltenden Indivi-duen bestimmt ist", spricht.

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1. Oktober 2013 um 14:16

Übrigens
hier ist die Quelle (Text)

http://de.scribd.com/doc/27300912/Marcuse-Herbert-Kultur-Und-Gesellschaft

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