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Am Grab haben sich erst alle meine Gefühle und Gedanken geordnet... & Eure Geschichte?

7. Februar 2013 um 18:04

Hallo,

Vor 3 1/2 Jahren hat sich eine Freundin von mir mit 18 Jahren das Leben genommen. Nicht "irgendeine", sondern eine Kindergartenfreundin. Das typische Muster. Eltern befreundet, zusammen groß geworden, bei Elterns Kaffeklatsch heimlich kissenschlachten veranstaltet und Verstecken gespielt. Später dann mal aus den Augen verloren doch wiedergefunden. Viele Monate jedes Wochenende zusammen verbracht. Über Probleme, Sorgen, Ängste (hauptsächlich ihrerseits) gesprochen- sie war stark depressiv, aber hatte immer mal auch gute Phasen. Wurde sogar als "geheilt" aus der Therapie entlassen. Hat mir von mehreren Selbstmordversuchen erzählt. Aber ich war jung und unerfahren und hab nur für Spaß und Freude gelebt- wie es in dem Alter nunnmal ist (16/17). Dann verloren wir uns wieder aus den Augen. Sie sagte mir, sie haben wieder viel mit ihren früheren Freunden aus der Nebenstadt zu tun und ich freute mich für sie. Im Endeffekt war das eine Lüge. Ich weiß auch, wieso, möchte aber nicht darauf eingehen. Ja... das letzte, was ich von ihr hörte, war eine Lüge und das tut immer noch weh. Ich frage mich oft, ob sich etwas geändert hätte, wenn sie mir die Wahrheit gesagt hätte... Und eines abends dann rief mich meine Mutter an, dass sie "zu viele von ihren Tabletten genommen hat". Mir war sofort klar, dass es Selbstmord war. Ich konnte im ersten Moment nicht weinen und war verwirrt, weil ich keinen Schmerz fühlte, weil es sich so unecht anfühlte. Kurz darauf brach ich in Tränen aus. Ich habe nachts nicht mehr geschlafen, habe auf der Arbeit im Lager geweint und irgendwie einfach nur noch funktioniert, weil es ja weiter gehen musste. Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich nichtmal rum gefahren bin um Hallo zu sagen und war wütend auf sie, weil sie einfach abgehauen ist. Aber ich war auch stolz, weil sie es geschafft und das Leben hinter sich gebracht hat, so blöd das auch klingt. Ihren Eltern gehe ich heute noch aus dem Weg. Wenn ihre Mutter mich sieht, schaut sie mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten kann. Es ist eine Mischung aus "Wieso darfst du leben und meine Tochter nicht?" und "Armes DIng... so früh so etwas erleben zu müssen". Einmal hat sie mir auch an meinem Shirt rumgezupft weil sie die Größe gern gewusst hätte und ich habe mich kurz als gezwungener Tochterersatz gefühlt. Und immer dieses "Wäre es nicht schön, wenn sie noch da wäre und mit könnte?". Schrecklich. Ich habe mich monatelang verkrochen und habe manchen Freunden sogar erst als ich wieder aus meinem Häuschen kroch davon erzählt, damit sie verstanden, wieso ich so auf Abstand ging. Und alle waren sie so nett, haben mich in den Arm genommen, mir gesagt wie stark ich doch sei und dass ich immer mit ihnen sprechen kann. Mir kommen jetzt noch die Tränen vor Rührung...

Vor ca. 4 Monaten war ich das erste Mal nach der Beerdigung auf dem Friedhof. Und das tat verdammt gut. Ich hatte so Angst davor, dass alles wieder aufreißt. Aber das Gegenteil war der Fall!
Mir ging es richtig gut, als hätte sich alles plötzlich geklärt. Ja, sie fehlt mir. Sehr. An diesem WE wäre ihr Geburtstag. Aber wenn ich zurück schaue merke ich, dass ich die letzten 4 Monate nicht einmal geweint habe. Ich habe zwar viel an sie gedacht, das bleibt ja nicht aus, aber ich war seitdem nicht mehr so richtig down.

Ich erzähle euch das, weil ich in dieser Zeit gemerkt habe, dass es Menschen gibt denen es auch so geht und das hat mir verdammt geholfen. Ich habe viel Verständnis bekommen und hoffe, anderen mit meiner Geschichte zu helfen. Außerdem musste ich mir das mal von der Seele schreiben.

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8. Februar 2013 um 8:11

Mit 16/17 kann man so etwas nicht abfangen
Was das mit der Therapie und dem "geheilt" angeht - da darf ich in einem öffentlichen Forum nichts dazu sagen.

In dem Alter, wo Du warst - hat man die Vorwürfe und die Zweifel, obwohl man nichts hätte tun können. Das kann man einfach mit 16 / 17 Jahren nicht. Das ist selbst für Menschen über 20 teilweise nicht möglich.

& meine Geschichte...
Ich war 19, als ein guter Bekannter (er war da 25) tagelang an der Kippe zu einem Rückfall in die Heroin-Abhängigkeit stand.
Ich wusste, dass er mal heroin-abhängig war, ich wusste auch, dass in seiner Kindheit so manches vorgefallen war, was ihn sein Leben lang begleitet hat und ich wusste auch von den Schwierigkeiten, die er aktuell hatte.
Aber was wusste ich ernstlich über Abhängigkeit, Drogen, Sucht? Die üblichen Klischees: Kriminalität, Strich, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung, Tod - nichts davon kann erklären, wieso jemand das *wollen* könnte.
Nichts davon ist hilfreich, wenn man so einer Situation gegenübersteht, weil ich nicht mal einen Schimmer hatte, wo da überhaupt die Zweifel sein könnten, wo die Frage eigentlich ist. Die Vorstellung, die ich von Heroin-Abhängigkeit hatte, war: Ein gemeiner und böser Dealer macht unschuldige Menschen abhängig, indem er ihnen gegen ihren Willen etwas spritzt und dann sind die abhängig. Die Möglichkeit, dass man Jahre danach dahin zurück wollen könnte, lag völlig außerhalb meiner Welt. Immerhin bin ich darauf gekommen, dass ich ihn in dieser Situation nicht danach fragen kann, was daran wünschenswert ist.

Aus heutiger Sicht: Ich war ein dummes, naives Kind.
Mir Hilfe dabei suchen... Kommilitonen, Bekannte, "Kumpels" - da wären auch nur die gängigen Vorurteile gekommen. Meine Eltern / Familie - völlig ausgeschlossen, deren einzige Reaktion wäre gewesen, mir den Kontakt zu untersagen. Tja wen sonst? Wir hatten im Jugendclub einen Sozialarbeiter. Sein Rat war, eben die Bullen hinzuschicken - würde zu weit führen, das zu erklären, aber abgesehen davon, dass ich so etwas zwischenmenschlich erbärmlich finde (und selbst niemals verzeihen würde), wäre das für ihn völlig falsch gewesen.

Ich habe es zum Glück irgendwie hingekriegt - also vielmehr: er hat es hingekriegt und ich war irgendwie dabei. Die Narben aus dieser Zeit trage ich noch heute auf der Haut, die in der Seele sind um einiges besser verheilt. Ich war so verdammt hilflos, überfordert und hatte unglaubliche Angst, bei etwas derartig wichtigem zu "versagen" und damit die Schuld daran zu tragen, wenn er zur Nadel zurückkehrt.

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