Forum / Psychologie & Persönlichkeit

Alkohol-Mum

31. Mai 2019 um 8:43 Letzte Antwort: 31. Mai 2019 um 21:57

Guten Morgen.
Wie man wohl dem Titel entnehmen kann, ist meine Schwiegermutter Alkoholikerin. Genauer: Quartalstrinker. Sie trinkt wochenlang nichts, oder vielleicht mal 1-2 Gläschen Wein bei einer Feier, und fängt dann doch irgendwann wieder an sich tagelang abzuschießen. 
Sie betrinkt sich in diesen Saufphasen immer so stark, dass sie quasi komatös rumliegt, tagelang nichts isst und keinen Kontakt zur Außenwelt hat. Nach paar Tagen ist das dann wieder rum und "alles ist gut". 

Nun hat sie sich wieder restlos weggeschossen und wurde von der Tante meines Mannes -ihrer Schwester- auf dem Badezimmerboden aufgefunden, übersät mit blauen Flecken und Verletzungen an Körper und Kopf. Die Tante rief den Rettungswagen, aber da sich die Mutter meines Mannes wehrte, durfte dieser sie weder behandeln noch mitnehmen. 

Nun muss man zu den Hintergründen wissen, dass der Vater meines Mannes vor zwei Jahren durch seinen Alkoholismus früh gestorben ist. Mein Mann ist Einzelkind und wohnt gute 300km von seiner Ursprungsfamilie entfernt. 
Dieser Alkoholismus seiner Mutter fing vor ca 10 Jahren an, als mein Mann wegen des Studiums von Zuhause auszog. Er war für sie scheinbar immer der Lebensmittelpunkt und mit dem Auszug fiel sie ins Leere.

Sie hat durch ihre Trinkerei ihre Arbeit und den Führerschein verloren. Durch die Witwenrente hat sie allerdings ein sehr gutes Einkommen und könnte theoretisch ihren frühen "Lebensabend" richtig genießen. Stattdessen trinkt sie sich in ihr frühes Grab. Wir haben es schon vor Jahren probiert sie in eine Klinik, oder wenigstens in eine therapeutische Behandlung zu kriegen, aber da sie jegliche ärztliche Behandlung ablehnt und ihren Alkoholismus auch völlig leugnet ist das Ganze vergeblich. Meine ganze Schwangerschaft hindurch ging es erstlinig nur um seine Mutter und ihre Alkoholsucht, die zu diesem Zeitpunkt ein erneutes Hoch feierte, da mit dem Baby ihr eigenes Kind ja noch ein Stück mehr von ihr wegrückte.  

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich sie bereits abgeschrieben habe. Man kann niemandem helfen, der sich nicht helfen lassen will. Der Tod seines Vaters hat meinen Mann sehr getroffen. Da verlief es recht ähnlich, wenn doch sein Vater sich seines Alkoholismus' bewusst war. Daraus resultierend versucht mein Mann den regelrechten Selbstmord seiner Mutter zu verhindern. Seine Sorge, dass ihr Enkel, unser Sohn, seine Oma an Weihnachten auf dem Friedhof besuchen wird, wenn sie nicht aufhört sich bewusstlos zu trinken, winkt sie mit einem Schulterzucken weg. Und genau dieses Verhalten macht mich aggressiv. Sie trinkt, weil ihr Lebensmittelpunkt ein eigenes Leben führt, aber hört nicht auf wenn die Gefahr besteht, diesen Lebensmittelpunkt für immer zu verlieren. Anstatt dass sie ihr Geld dafür nutzt uns zu besuchen(was sie noch NIE tat) und Zeit mit ihrem Kind und Enkel zu verbringen, lässt sie sich teuren Alkohol liefern. Und trotz dieses Verhaltens reißt sich mein Mann noch immer ein Bein aus und fährt auch jetzt wieder hin um sich um sie zu kümmern. Wieder ein Wochenende das ich alleine mit unserem Sohn verbringe, weil mein Mann sich aus Schuldgefühlen heraus um seine Mutter kümmert, die Selbstmord als Hobby betreibt. 

Ich weiß an diesem Punkt einfach nicht mehr, ob ich zu empathielos bin. Mein Mann meint, dass er quasi für sie verantwortlich ist. Passenderweise sehen das ihre Geschwister, Tanten und Cousins ähnlich. Die halten sich aus dem Ganzen nämlich fein raus, obwohl sie alle in dem gleichen Dorf, teilweise im selben Haus(!), leben. Statt dass sie sich, als "Erwachsene auf einer Augenhöhe", die allesamt keine Verpflichtungen mehr haben, gegenseitig helfen, muss der Sohn nach der Arbeit wieder drei Stunden durch Deutschland fahren um der Mutter zu helfen, die sich nicht helfen lässt. 

Danke fürs Zuhören. 
 

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31. Mai 2019 um 12:04

Tut mir leid für dich, dass du dich in so einer schwierigen Situation befindest. Ich sehe leider nicht, wie du sie ändern kannst, wenn deine Schwiegermutter sich nicht helfen lassen will und nicht einmal eine Krankheitseinsicht hat, während dein Mann sich aus Schuldgefühlen für sie aufopfert. Sie ist eben seine Mutter und er ihr einziger Sohn, und ich vermute mal, dass sie ihn aus diesem Grund bereits in seiner Kindheit sehr an ihn geklammert hat und ihm eingeredet hat, dass er immer für sie da zu sein hat? Seine Eltern waren also beide Alkoholiker? Vermutlich hat dein Mann Angst, dass es seiner Mutter irgendwann genauso ergehen wird wie seinem Vater, der letztendlich am Alkoholismus zugrunde gegangen ist. Ich denke, dass du als seine Frau nun wenig Einfluss auf die Situation haben wirst. Das einzige, was du tun kannst, ist, dich selbst und deine Kinder zu schützen, indem du dich nicht auch noch davon vereinnahmen lässt. Und deinem Mann dennoch seelisch beizustehen. Ich würde aber nicht behaupten, dass du empathielos bist. Die meisten Leute würden wahrscheinlich früher oder später genug von so einem Theater haben, vor allem, wenn es nicht die eigene Mutter ist. Aber du musst wohl verstehen, dass dein Mann es anders sehen wird, da er eine ganz andere Bindung zu ihr hat. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es deinem Mann dennoch gut tun würde, mal mit einem Therapeuten über seine Situation zu sprechen? Oder zu einer Selbsthilfegruppe für Angehörige suchtkranker Menschen zu gehen? Manche Leidensgenossen haben genau dasselbe durchgespielt und könnten ihm vielleicht gute Ratschläge geben?
Alles Gute dir und deiner Familie.
 

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31. Mai 2019 um 21:57

Ja, das kenne ich auch. Und nein - Du hast gar nichts falsch gemacht und Deine SM ist krank.
Nur, dass sie es nicht wahrhaben will. Dagegen ist man machtlos als Angehörige.

Alkoholismus bei dem Betroffenen, kann nur gestoppt werden, wenn dieser dies auch will. Er selbst muss sich Hilfe holen, Das kann mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe sein oder eben auch mit einer stationären Entgiftung und anschließender Therapie, im Anschluss mit einer SHG seiner Wahl.

Für Euch als Angehörige (für Dich und Deinen Mann) kann ich nahelegen, sich an die Angehörigen-Gruppe Al-Anon zu wenden. Hier wird man Euch über die Krankheit Alkoholismus mehr sagen können und zudem gelten diese Selbsthilfegruppen als sehr hilfreich, Euch zu helfen im Umgang mit dieser Situation. Viele Angehörige leiden unter Alkolismus in der Familie. Aber sie bekommen alle bei Al-Anon die nötige Unterstützung, damit für sie auch das Leben wieder lebenswert wird.

Die Website der Al Anon ist al-anon.de

''Über Al-Anon''
Die Al-Anon Familiengruppen sind eine Selbsthilfegemeinschaft, die sich ausschließlich an Angehörige und Freunde von Alkoholikern richtet. Sie bieten Betroffenen Trost und Hilfe.
Der regelmäßige Besuch der Selbsthilfegruppen verhilft zu einer veränderten Sicht- und Denkweise über die Familienkrankheit Alkoholismus. Angehörige erkennen, dass sie als Familienmitglieder, Partner, Kinder oder Freunde schuldlos sind und das Trinken des Alkoholikers nicht stoppen können, egal wie sehr sie sich anstrengen, den Alkoholkonsum zu kontrollieren. Sie lernen, ihr eigenes vernachlässigtes Leben wieder in die Hand zu nehmen, statt sich weiterhin auf das des  Alkoholikers zu konzentrieren.

 

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